Nicht jede Lösung ist sinnvoll, das Internet ist nicht die Lösung für alles. Das ist der schnell auf den Punkt gebrachte Kern von Morozovs Digitalkritik. Der Innovationskult der Digitalsphäre trägt technikzentrierte Lösungsfixierung in alle Problemebenen. Ob der technische Fix auch das zugrundeliegende Problem löst, ist ebenso zweitrangig wie die Frage, ob der gelöste Aspekt auch das eigentliche Problem war. In Kombination mit internetzentrierten Perspektiven entsteht so ein merkwürdiger Tunnelblick. Manchmal werden Lösungen als neu gepriesen, die es schon lange gibt, manchmal werden Lösungen auf digitale Technologien zurückgeführt, obwohl es sie schon lange gibt und sie auch bestens ohne Internet funktionieren, manchmal bleiben vermeintliche Lösungen auf das Internet beschränkt, ohne sich auf die Realität auszuwirken. Fündig wird man da zuhauf bei den 2.0 Predigern rund um Clay Shirky oder Jimmy Wales. Afrikanische Bauern können sich dank Web endlich über effiziente Baumbewässerung austauschen, man muss nur ein Loch um den Baum graben, damit das Wasser im trockenen Boden nicht abrinnt – eine Technik, die seit hunderten Jahren angewendet wird. Ushahidi, die usergenerierten Datensammlungen über die eigene Umgebung schaffen neues Wissen zu neuen Fragestellungen – das eignet sich perfekt für interaktive Visualidierungen für Konferenzen wohltätiger NGO-Stiftungen, hat aber im Leben von Menschen vor Ort noch nie eine Rolle gespielt.
Morozov vergleicht internetzentrische Lösungsapostel mit Außerirdischen, die auf dieser Erde gelandet sind und keine Ahnung davon haben, wie Probleme bisher, ohne Internet, gelöst worden sind.
Weitere Kritikpunkte neben Solutionismus und Internetzentrismus sind der quasireligöse Status von Internet, Algorithmus oder KI, die unhinterfrsgt positive Bewertung von Begriffen wie Transparenz oder Innovation und der Informations-Reduktionismus, der alle Fragestellungen in Datenprobleme zerlegen möchte und davon ausgeht, mit ausreichend Daten wäre alles sinnvoll berechenbar. Dabei schreibt Morozov, läuft nichts so klar und clean ab, wie es die (aktuell wieder in Mode kommende) Kybernetik beschreibt.
Digitaler Dualismus, die Idee, Internet und Rest der Welt wären getrennte Systeme und das Internet wäre ein eigenes System mit eigenen Gesetzen, die man eben versteht oder nicht, die sich aber nicht durch Gesetze aus der politischen Welt gestalten lassen, ist eine andere Spielart des Internetzentrismus.
Letztlich ist es Kritik am technischen Determinismus, der Morozovs Internetkritik zusammenhält. Die Vorstellung, Technologie bestimme dank inhärenter Kräfte Politik ubd Gesellschaft ist nicht nur bloß eine Technologietheorie neben vielen anderen, sondern auch ein praktisches Machtmittel. Weil Digitaltechnologie so anders und neu ist, kann und darf sie nicht eingeschränkt werden. Weil nur wenige erfolgreiche Unternehmer das Internet verstehen, darf ihnen die Politik nicht mit Regulierungen dreinreden und so Innovation gefährden. Weil in Technologie richtig und falsch am Funktionieren und am kommerziellen Erfolg gemessen werden, dürfen hier keine politischen und moralischen Maßstäbe angelegt werden.
Open Data, Open Government, Transparenz, Innovation, ökonomischer Rationalismus und Reduktion auf Formeln sind einige Symptome dieser Einstellungen, die nicht nur Morozov kritisiert. Vor allem die Kritik am Datenreduktionismus habe ich in Data is overrated zusammengefasst.
Morozovs Text ist zehn Jahre alt. Manchmal merkt man das. Manchmal daran, dass Dinge immer schon so waren (auch vor 10 Jahren war Viralität eine Sache von Performance Management, nicht von Kreativität), manchmal daran, wie schnell sie sich geändert haben (für Morozov war es noch anrüchige Zukunftsvision, dass Medien journalistische Arbeit an Daten ausrichten könnten). Manchmal ist Morozovs Kritik treffend und unterhaltsam, manchmal redundant und renitent. Wohlwollende Interpretation potenzieller Dummheiten gehört nicht zu seinen Stärken. Trotzdem sollten kritische Stimmen wie seine gerade jetzt wieder mehr gelesen werden.