Das Märchen vom Tax Freedom Day

Es gibt ja dieses Märchen vom Tax Freedom-Day. Irgendwann im Herbst, so will es die Geschichte, hat man genug verdient, um seine Steuern zu bezahlen, und arbeitet dann fröhlich in die eigene Tasche.
Praktisch gesehen ist das halt leider andersrum: Zu Beginn des Jahres fließen ein paar Einnahmen, man legt guten Mutes den Steuer- und Versicherungsanteil zur Seite, bestaunt die gigantischen Beträge, die sich dabei ansammeln und nimmt das halt mit ein bisschen Wehmut zur Kenntnis.
Dann, in guten Jahren, ist irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem zumindest die Sozialversicherung befriedigt ist. Auf dem Sparkonto liegt der Fehlbetrag auf die rund 18.000 Euro Höchstversicherung und eigentlich ist jede Einnahme jetzt 25% mehr wert.
Das ist meistens im Herbst, eben so rund um den Tax Freedom-Day. Aber dann beginnt das Drama erst richtig. Jetzt ist zwar keine Sozialversicherung mehr fällig, dafür schlägt der Steuertarif mit seinen 50% jetzt unbarmherzig zu. Und der fröhliche Unternehmer, der jetzt eigentlich strahlend in die eigene Tasche arbeiten sollte, sieht zu, wie die diversen Steuerrechner immer absurdere immer höhere Beträge ausspucken. 50% wirken sich wirklich dramatisch aus.
Eigentlich sollte man zu diesem Zeitpunkt die Arbeit einstellen und einfach nichts mehr tun. Es ist schlicht hirnrissig, für die 10.000 €, die man bis Jahresende noch bräuchte, über 20.000 € verdienen zu müssen – und damit dann noch höhere Steuer- und Versicherungsvorauszahlungen für die nächsten Jahre in Kauf zu nehmen.
Während Experten streiten, ob Österreich jetzt eine Gesamtsteuerquote von 45 oder 43% hat, prohezeit mir die hübsche Rechner-App von SVA und Finanzministerium jedenfalls für heuer eine Abgabenquote von 47% – allein mit Einkommensteuer und Sozialversicherung.
Was ist das Problem dabei? – Schließlich habe ich die Kohle ja verdient und kann das also auch bezahlen.
Das Problem ist, dass ich eigentlich nur gern von meiner selbstbestimmten Arbeit leben möchte, und kein Superchecker-Unternehmer sein möchte, der kunstvolle Abschreibungs- und Investitionsgelegenheiten sucht. Ich fände es auch nicht schlecht, mich um Dinge wie Altersvorsorge kümmern zu können – und das mit weniger hochriskanten Spekulationen als Einzahlungen ins staatliche Pensionssystem. Und ich finde es schräg, dass sich die Umsatzplanung für das nächste Jahr weniger an meinen eigenen Bedürfnissen orientiert, als daran, wann welche Vorauszahlungen zu leisten sind, die sich an längst vergangenen Einnahmen orientieren. Und das nimmt dann auch die Luft für Innovation und Neuorientierung. Erst ist keine Zeit für was anderes, weil du in bezahlten Projekten steckst. Und wenn die vorbei sind, ist keine Zeit, weil du dich dringend um die nächsten kümmern musst, weil du keine Zeit für Akquise hattest.
Und was wären sinnvollere Alternativen? Ein paar fallen mir schon ein. Flexiblere Vorauszahlungen sind ein Ding. Die könnten auch per Selbstbemessung funktionieren – bei Kammerumlagen und ähnlichem traut man uns das ja auch zu.  Investitionen sind ein anderes Ding: Was soll ich mit 33 Jahren Abschreibung auf Immobilien (dann bin ich 75…), wenn ich keinen generationenübergreifenden Familienbetrieb aufbaue? Und warum gelten Investitionsfreibeträge nur für Neugüter und nicht für Gebrauchtes? (Was, um beim Beispiel zu bleiben, bei Büros und Lokalen in Wien, die ja auch eine Anlage sein könnten, besonders sinnvoll ist…) Und wenn wir ganz spekulativ werden: Wie siehts mit Gewinn-Vortragsmöglichkeiten aus? Schön, dass es Kalenderjahre gibt, aber meine Lebensplanung richtet sich nicht unbedingt danach – und vom Erfolg im laufenden Jahr hätte ich auch gern im nächsten Jahr noch etwas (wenn sich eien Durststrecke abzeichnet oder wenn ich die Zeit für etwas neues nutzen möchte) – außer höheren Vorauszahlungen.
Und deshalb wärs ja schön, wenn es so etwas wie einen Tax Freedom Day, ab dem man selbstbestimmt wirtschaften kann, gäbe. Aber die Praxis ist halt, wie gesagt, leider andersrum.
Michael Hafner

Michael Hafner

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