Open Innovation mit Regierung – wie man User vergrault…

Open Innovation mit Regierung – wie man User vergrault…

OK, Open Innovation also. Gähn. Nachdem ich auf „Mitgestalten“ geklickt habe , war ich dann allerdings putzmunter. – Ich war nämlich plötzlich eingeloggt, mit Profilbild und Userrank, ohne mich jemals erinnern zu können, schon mal auf dieser (erst am Freitag vorgestellten Plattform) gewesen zu sein.
  • Krallt sich die Bundesregierung meine Facebook-Daten, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen?
  • Wird da irgendein Login anhand meiner Browserdaten durchgeführt, dem ich nicht zugestimmt habe?
  • Gibts gar österreichweites Zwangs-Single-Sign-On für alle aufrechten Staatsbürger_innen mit Internetanschluss?
Um es kurz zu machen – nein, eh alles sauber und in Ordnung. Nur saudeppert. Ich sags noch mal: fetzendeppert. So schafft man kein Vertrauen. Und so lässt man alle Potenziale ungenutzt, auf denen man vielleicht aufbauen könnte.
Ich nutze dieses Internet jetzt doch schon etwas länger, Spam und Phishing erkenne ich üblicherweise recht schnell und ich kontrolliere meine Privacy. Hier hab ich jetzt aber doch ein paar Minuten gebraucht, um rauszufinden, was los ist.
Das Profilfoto, das mir da plötzlich entgegensah, war mein FB-Profilfoto von vor mehreren Jahren. Laut Open-Innovation-Profil war ich schon vier Jahre Mitglied auf dieser erst vier Tage alten Plattform. Im Impressum steht das Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium als Seitenbetreiber. Ganz unten im Impressum steht: “Konzeption, Design & technische Umsetzung: Neurovation GmbH“.
Die Url der Open Innovation-Seite ist offiziell www.openinnovation.at, dann wird man aber auf https://oi-bundesregierung.neurovation.net weitergeleitet.
Dann fiel mir ein: Vor vielen Jahren (könnten vier sein) habe ich mich mal bei Neurovation angemeldet, als dort Ideen für Creative Industries-Projekte gesucht wurden.
Im Kleingedruckten der Neurovation-AGB steht:

2.7
Mit einer Registrierung auf Neurovation.net bzw. einer Subplattform erhält der Nutzer Zugang zu Neurovation.net sowie allen Subplattformen. Die Subplattformen kennzeichnen sich durch den URL-Aufbau [projektname].neurovation.net (Subdomain) aus. Somit kann der Nutzer nach einmaliger Registrierung auf Neurovation.net oder einer Subplattform sich barrierefrei zwischen den Plattformen bewegen. Diese Gegebenheiten wirken wechselseitig für alle registrierten Benutzer und den damit verbundenen Plattformfunktionalitäten.
Aha.
Dort steht auch:
9. Geheimhaltung
Die Parteien verpflichten sich, alle ihnen im Rahmen dieses Vertragsverhältnisses bekannt werdenden und als vertraulich erkennbaren Informationen, Unterlagen und Daten geheim zu halten und insbesondere weder Dritten zugänglich zu machen noch anderweitig weiter zu verwenden. Dies gilt besonders für die vereinbarten Preise.
und:

13.1
Das Konzept der Plattform basiert auf der Bereitstellung von Services und Innovationsdienstleistungen sowie der Speicherung generierter Daten durch den Benutzer/die Benutzerin, die ggf. für andere Nutzer/-innen einsehbar sind. Allerdings entscheidet der Nutzer/die Nutzerin, ob und welche Daten und Inhalte er/sie anderen Nutzern zugänglich machen möchte
Mich hat niemand gefragt, ob ich meine Daten auf einer Plattform des Wissenschaftsministeriums haben möchte.
Gut, wird schon alles rechtens sein.
Allerdings steht bei anderen von Neurovation ausgerichteten Wettbewerben auch immer Neurovation im Impressum. Und es hätte der Kommunikation des Ministeriums wohl nicht geschadet, Neurovation als Partner zu erwähnen, oder zumindest irgendwo auf der Webseite kurz anklingen zu lassen, dass diese Plattform genutzt wird.
Dann hätte es keinen mittelmässig erfreulichen Aha-Effekt gegeben. Dafür aber vielleicht für einige eine erste positive Verbindung – „Dort war ich schon mal.”
Aber wahrscheinlich hatte irgendein obercooler Ministeriums-Innovations-Fuzzi dann die Sorge, man würde glauben, er hätte das Rad nicht neu erfunden. Oder vielleicht, solche Berührungsängste gibt es ja auch, hatte ein Dienstleister keine Lust, politische Insititutionen als Kunden anzuführen.
Keine Sorge: Auf den Gedanken mit der Neuerfindung des Rades wäre wohl eh niemand gekommen. Schade ist allerdings umso mehr: Mit der Openness wird das so nichts.
Und ich (wahrscheinlich gilt das für einige andere User auch) hätte mich um einiges wohler gefühlt, wenn ich kurz gefragt worden wäre, ob ich meinen bestehenden Account und meine Daten übernehmen möchte.
Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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