Niels Bohr: Atomic Theory and the Description of Nature

Diese Sammlung aus Vorträgen und Essays von Niels Bohr ist ein weiteres Beispiel, wie die Ikonen der modernen Physik mit der Brille papierener hyperrationaler Besserwisser, die Idealen exakter Wissenschaften nachhängen, auch als Querdenker und Esoteriker gelten können. 

Wie Heisenberg, Schrödinger oder Oppenheimer stellt auch Niels Bohr die klare Abgrenzbarkeit von Subjekt und Objekt, von Beobachter und Beobachtetem und damit die Grundlagen der wert- und interessenfreien Wissenschaft infrage. Jede Beobachtung ist jemandes Beobachtung, der Beobachter und dessen Methode ist Teil der so geschaffenen Realität. 

Physik ist Statistik für Atome – das weckt Erwartungen an Präzision und Kontrollierbarkeit in allen Details. Wir können aber nicht einmal genau sagen, schränkt Bohr ein, welche Atome tatsächlich zu welchem Körper gehören. 

Zu diesen faktischen Unschärfen gesellen sich die Schwierigkeiten der Sprache, die wiederum von Gewohnheiten und sozialen Umfeldern abhängig ist. Und gerade mit den rationalsten und nüchternsten Anforderungen an Sprache und die in ihr verwendeten Begriffe, für Hausverstand und Vernunft gibt es kaum größeren Unfug als die Idee von Quanten und Quantenphysik – etwas, das sich problemlos berechnen lässt, aber mit allem, was uns vernünftig erscheint, nicht erklärt werden kann. 

Verstehen, meint Bohr, wird hier nur beim Verzicht auf vollständiges Verstehen möglich. Eine Diagnose, die wir heute eher von Lichtnahrungsproponenten, Energetikern und anderen nicht ganz der Physik und Mathematik verhafteten Denkstilen kennen. 

Wohltuend zu lesen für alle, die grundsätzlich verstehen, was Dotierung von Halbleitern ist, aber dennoch vor großen Fragezeichen stehen, ist auch: Es gebe keine mechanische Erklärung für die Stabilität von Atomen in der Kollision mit Elektronen. 

Wäre es nicht Niels Bohr und wäre es nicht Physik – vieles ist ähnlich spekulativ formuliert wie die Grundsätze der Psychoanalyse. Man fragt sich: Wie kommt man bloß darauf? Und wie kommt man darauf, das so zu argumentieren? Und es klingt ja toll, aber welche Argumente, Erfahrungen oder Belege machen das auch nur in irgendeiner Weise nachvollziehbar? 

Während die Frage bei Freud und Psychoanalyse weitgehend offen bleibt (Michel Onfray argumentiert in seiner Contrehistoire de la Philosophie unverschämt und überraschend überzeugend, dass Freud seine eigenen Neurosen und Spleens zum globalen Trauma erhoben habe, dem seither niemand mehr entkommt), hat die Physik immerhin noch die Mathematik an ihrer Seite. Die Mechanik hat schon lange versagt und ihre Grenzen überschritten, rechnen können wir aber immer noch. Mehrdimensionale Räume, in denen sich komplexe Funktionen darstellen lassen, sind mathematisch keine Herausforderung, Mathematik versteht aber nicht einmal die Frage, in welcher Welt diese Räume denn existieren sollten. Antwort hat sie ohnehin keine. 

Bohrs Texte kommen immer wieder auf den Punkt zurück, dass der Beobachter, also der Wissenschaftler, nicht aus der Beobachtung, nicht aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden kann. Gerade die rationalsten Wissenschaften, die den größten Anspruch an die Unabhängigkeit vom Subjekt stellen, können diesen nicht erfüllen, gerade die fixesten, unveränderlichen Zustände vom Gegenständen und Systemen schließen die Interaktion zu allen nicht zum System gehörenden Elementen aus – und daher sind sie entweder unserer Erkenntnis entzogen, oder wir sind Teil dieser Systeme. 

Selbst das Subjekt, das sich vorstellt, nicht Teil des Systems zu sein, das also sich neben einem von sich selbst unabhängigen System imaginiert, bringt sich selbst in einer entscheidende Position in dieser Gleichung, denn es denkt immer noch sich selbst in der Beziehung zum System, es verschwindet nicht aus der Beziehung. 

Wir können gar nicht anders, also unsere Gedanken in Beziehung zu uns zu sehen (und nicht nur zu einem beobachteten Gegenstand), selbst wenn wir uns ausschließen wollen, rücken wir uns wieder selbst ins Bild. Der letzte Gedanke hat nahezu Wittgensteinsche Züge, zumindest in der Form von Kripkes Wittgenstein und dessen Dispositionen. Wir folgen (mathetmatischen, logischen) Regeln, weil wir so denken, wir erkennen und verstehen, was gemäß dieser Regeln passiert, wir erkennen und verstehen die Regeln nicht, weil wir sie vor Selbstverständlichkeit nicht sehen. 

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik

Eine Techno-Wissenschaftlerin mit Businesserfahrung beschäftigt sich mit Ethik und Philosophie. Grundsätzlich ist das eine gute Ausgangslage. Sarah Spiekermann erzählt von ihren Anfängen als Analystin in der Mobilfunkbranche, die Zweifel an der vermeintlichen Aussagekraft von Daten hatte, die Trends und Prognosen von Beratern in Zweifel zog und stattdessen lieber darauf achtete, welche Handys tatsächlich in den Auslagen der Geschäfte lagen und was die User damit machten. Hypes und Trendanalysen haben heuristischen Wert, Nerds geben sich damit aber nicht zufrieden. 

Diese Skepsis passte nicht zu den Anforderungen einer Boom-Branche (wir befinden uns zur Jahrtausendwende, noch vor dem ersten DotCom-Crash) und Spiekermann verabschiedete sich in die Wissenschaft. Dort lehrt die Studierende der Wirtschaftsinformatik unter anderem, Werte in digitale Technologien und Geschäftsmodelle einzuplanen. Das klingt gut, bleibt aber in der praktischen Ausformulierung etwas dünn. 

Wir könnten beispielsweise höfliche Roboter bauen, die durch ethisch hochstehendes und höflich zuvorkommendes Verhalten Tugend in die Welt bringen, meint Spiekermann. Die arme Klara aus Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“ ist so ein höflicher Roboter und die Geschichte endet nicht gut für sie. Für ihre Besitzerin auch nicht. 

Tugend und die Sorge um andere sollten einen Platz in der Businesswelt haben und ebenso erstrebenswert sein wie Profit. Dem ist zuzustimmen, allerdings zeigt sich, dass bei jeder Gelegenheit, die jemand nicht ausnützt, jemand anderer kommt und genau daraus ein Geschäft macht – das sind die Erfolgsgeheimnisse von Uber, AirBnB oder RyanAir. 

Digitales bezeichnet Spiekermann als gesiebte Realität – wie gesiebtes Mehl, das durchaus auch brauchbar ist, für einiges sogar besser eingesetzt werden kann, für anderes weniger brauchbar ist. 

Viele von Spiekermanns Diagnosen sind begrüßenswert. Sie sind allerdings weder neu noch sind sie besonders nützlich auf der Suche nach Lösungen. Spiekermanns eigenes StartUp (ein Social Network zur Verwaltung und Vernetzung von Ausbildungszertifikaten und Skills) muss auch mangels (ethisch vertretbaren) Geschäftsmodells eingestellt werden; einzige kommerzielle Konsequenz wäre die Vermarktung von Userprofilen gewesen. 

Schwach wird das Buch, wenn Spiekermann in Wissenstheorie abschweift und das Wissen um Werte in technisches und wirtschaftliches Wissen reinreklamiert. Wilhelm Wundt, Urvater der Psychologie, mit seinen vier Stufen des Wissens (die Probleme wie Wahrheit aus philosophischer Sicht nicht einmal streifen) ist da ein schwacher Pate. 

Besonders kritisch sehe ich die Überlegungen, Technologie als Wissenshüter für mehr Weisheit einsetzen zu wollen oder beispielsweise KI-Anwendungen vor extremer Sprache warnen zu lassen und darauf aufbauend Systeme anders zu bewerten. KI folgt Regeln (die von Menschen mit Plan und Absicht erstellt wurden), reduziert sie auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner und liefert auf ewig reproduzierte Kochrezepte. KI entlastet vom Lernen und Denken – was KI empfiehlt, ist nicht von Menschen gemacht. KI als moralischer oder politischer Akteur schafft technisch-künstliche Substitute dieser Werte. Mark Coeckelbergh sieht darin eine Gefahr für das Common Good und gemeinsame Grundwerte, auf deren Basis wir die wichtigsten Entscheidungen treffen können. 

Diese Versuche, einen besseren, anderen Umgang mit Technologie einzumahnen, gab es auch schon, bevor Technologie sich zu dem problematischen Faktor entwickelt hat, der uns heute auf vielen Ebenen das Leben schwer macht. Solche Appelle und Gelöbnisse, es besser zu machen, gab es auch schon, bevor die Dinge schiefgelaufen sind. Digitaltechnologie war ein Hoffnungsträger.

Ich halte es für zielführender, sich mit realen Situationen auseinanderzusetzen: Wie gehen wir damit um, wenn wir wissen, dass Technik zuletzt weniger dazu verwendet wurde, Menschen nützlich zu sein? Und stimmt diese Annahme überhaupt? Warum, vielleicht ist das eher die Frage, widmen wir der Dummheit, die Technologie missbraucht, so viel Aufmerksamkeit? Das ist eine Frage, die man auch ganz unabhängig von Technologie und Digitalem stellen kann. 

Deshalb bleibt das Buch auf etwas enttäuschend. Eine Digitale Ethik für das 21. Jahrhundert muss mehr liefern als Aufrufe, nett zu sein. Auch Google hatte mal „Don’t be evil“ als (inoffizielles) Motto. 

Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit

Menschen, die man grundsätzlich als zurechnungsfähige Personen kennt, beharren mit der Sturheit von vollkommenen Idioten auf unsinnigen Behauptungen. Um der Aufregung willen beharren andere mit ähnlichem Talent auf sinn- und kontextbefreiten Wortklaubereien, um aktuell Unliebsamen Unsinn andichten zu können. Diese Konversationen vollziehen sich mit Ernst und Eifer in autoritärer Rechthaberei, in der Lösungen oder Wahrheiten das Uninteressanteste sind. Man kennt das von Politmobs auf Social Media, von Querdenkern und häufig auch bei vermeintlich hyperrational argumentierende Ökonomieinteressierten.
OLiver Nachtwey und Caroline Amlinger bezeichnen diese Form der radikalen Rechthaberei als libertären Autoritarismus. In der Studie “Gekränkte Freiheit” holen sie weit aus, um einer Reihe von Interviews mit dieser neuen Spielart von Autoritären einen Theorierahmen zu verpassen.

Die Grundzüge ihrer Diagnose:
Spätmoderne Freiheitsabsolutisten verdrängen Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Institutionen, sie betrachten Freiheit als Ding, als isoliertes Objekt, das sie beanspruchen und besitzen können, nicht mehr als Beziehung. Libertär betrachtete Freiheit ist nur noch individuelles Handlungsvermögen ohne Bedingungen – also eine Illusion.Dieses Ausblenden von Bedingungen stellen Nachtwey und Amlinger auch in der Wissenschaftskritik fest: In einer komplexen Welt kann auch der Libertäre nicht alles wissen, er ist fremdwissensabhängig und dadurch entsouveränisiert. Das ist eine problematische Kränkung, die für die Betroffenen umso ärgerlicher ist, als sie auf Wissensinstitutionen angewiesen sind, denen sich gleichzeitig misstrauen.

Eine dritte Entwicklung die die von Andreas Reckwitz entlehnte Diagnose der Affizierung: Alles wird emotional aufgeladen und mit persönlichen Beziehungen verbunden, das drängt Meinungen in der Vordergrung und priorisiert den Meinenden, der wesentlicher Bestandteil jeder Aussage und aller Feststellungen ist. Nachtwey und Amlinger deuten dieses Verhältnis denn auch als Aggressionsverhältnis: Jemand ist auf Eroberungsfeldzug.

Im Theorieteil treten noch Alexis de Toqueville auf (mehr Gleichheit schärft das Ungleichheitsbewusstsein), Emile Durkheim (Bedürfnisbefriedigung ist unmöglich, wenn man nicht etwas, sondern mehr will), oder Otto Kirchheimer (Parteien sind heute entideologisierte Allerweltsparteien, die Machterwerb und -versprechen anstelle weltanschaulicher Massenintegration gesetzt haben) und Luc Boltanski (Menschen leiden zunehmend an Enthüllungssucht, die jede Aussage von Institutionen unter Generalverdacht stellt).
Die aus den Interviews herauskristallisierten Typen von Autoritären ergeben gewissermaßen Verschwörungssinusmilieus; die am häufigsten betroffenen Typen finden sich – umgelegt auf die üblichen Sinusmilieus – in der Gegend der Performer, teilweise auch in Postmateriellen Gegenden, weniger allerdings mit möglicherweise vermuteten hedonistischen Eck (dort fehlt das Geld für die zeitintensive libertär-autoritäre Pose).

Der eher praktischen Teil zerfällt ein wenig in einzelne Interviewbruchstücke, als Beleg herangezogene Teilsätze und verstreute Detailanalysen. Der vermutlich hinter dem Text liegende Datenreichtum bleibt verborgen, man würde sich streckenweise ein wenig mehr quantitativen Zugang wünschen. Möglicherweise sind die Daten für eine nützliche quantitative Analyse zu breit gestreut – libertäre Autoritäre gibt es in allen Altersschichten, in eher gebildeten und besserverdienenden Milieus und gleich verteilt in allen Geschlechtern.
Die grundlegende gemeinsame Figur, die alles verbindet, ist die Überhöhung der eigenen Autonomie, die ihre eigene Gesellschaftsabhängigkeit leugnet. Das haben Putin- und Trump-Versteher, Enttäuschte, die ihr Heil in Tierschutz statt in Beziehungen zu Menschen suchen, Impfskeptiker, Verschwörungsfreunde und hölzern argumentierende Vertreter politischer liberaler oder konservativer Jugendorganisationen gemeinsam.

Armin Nassehi: Kritik der großen Geste

Gefahren und Ursachen der Klimakrise sind bekannt, man müsste doch nur. KI, Big Data – Visionen sind schnell gezimmert, kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alle müssen agieren. Transformationsprozesse sind so allgegenwärtig und dabei so unberührt von Transformationen konstant wie die Trafo-Hütten der lokalen E-Werke. Alle predigen Veränderungen und kennen die Lösungen – aber nichts passiert. 

In etwa dieses Szenario steigt Armin Nassehi mit seiner „Kritik der großen Geste“ ein. Transformation ist ein häufig bemühter Begriff. Dem steht allerdings hartnäckige Trägheit gegenüber, die der Soziologie in der Gesellschaft beobachtet. Verhaltensmuster und Meinungen ändern sich nur sehr langsam, es ist nicht einmal eine anständige Spaltung zu diagnostizieren. Nassehi beruft sich dabei auf Steffen Maus Triggerpunkte. 

Die Macht von Wissen wird überschätzt, nur weil man etwas weiß, muss man nicht danach handeln. Eine schöne Beobachtung zur Trägheit ist die Feststellung, dass die Erwartungen an die Disruptivität von KI, vor allem in ihrer Ausprägung als Large Language Models, auf der Unerschütterlichkeit ihres Gegenstands beruhen. LLMs können deshalb so effizient lernen, weil so viele Menschen so oft das gleiche sagen und sich daraus wunderbar konstante Muster bilden lassen. 

Krisen, so eine Erwartung, könnten an dieser Trägheit etwas ändern. Klima, Corona und der Ukraine-Krieg haben viele Prediger und Visionäre auf den Plan gerufen, Welten von Selbstverständlichkeiten (Wir müssen das! Wir brauchen dies! Alles wird so!) sind aufeinandergeprallt und haben trotz ihres Energie- und Aufmerksamkeitsverbrauchs wenig bewegt. 

Was allerdings etwas deutlicher geworden ist: Unterschiedliche Legitimationssysteme, Erwartungshaltungen, Wertvorstellungen oder Ziele sorgen dafür, dass aus den gleichen Voraussetzungen unterschiedliche Schlüsse gezogen werden – und wenig passiert, weil sich vieles Gegenseitig aufhebt. 

Nassehi nennt es Visibilisierungserfahrung, wenn Grundlagen so unterschiedlich offenbar werden. Unterschiede lassen verstehen, dass wenig schnell passiert, dass Motivation und die Chance, Dinge durchzusetzen, für jede Einstellung anders funktionieren, dass Vernunft weniger mächtig ist als vernünftig wäre. Was Nassehi schließlich durch den gesamten Text öfters wiederholt: Gesellschaften sind kein Kollektiv. Sie können nicht als Kollektiv reagieren, auch wenn Herausforderungen kollektive sind.

Transformationsaufrufe und -visionen ignorieren das. Wissenschaftler, die mit Fakten Verhaltensprobleme lösen wollen, Politiker, die populistische Kurzfassungen predigen, Verschwörungstheoretiker, die gegen die da oben wettern, Kapitalismuskritiker, die das Böse im Profit sehen, sie alle bedienen sich einer Zinnsoldatenlogik, in der sie die Handelnden sind, gezielt einzelne Parameter steuern können und alle anderen sich danach richten wie die Zinnsoldaten. Zinnsoldaten sind ohne diese Erweckungsrufe in die Irre gelaufen, jetzt wird es ihnen wie Schuppen von den Augen fallen – nichts davon passiert in der Regel. 

Diese Art der Interaktion tarnt sich häufig als Gespräch, in dem Offenbarungen und Überzeugungen vermittelt werden, ausgetauscht werden sie ja nicht. Denn, Nassehi zitiert Gadamer, Gespräche sind nur dann prinzipiell möglich, wenn beide Seiten einräumen, dass der andere auch Recht haben könnte. Wo andere immer falsch liegen müssen, verfällt man wieder in die Zinnsoldatenlogik. 

Lineare Darstellungen, ob in wissenschaftlichen Texten oder in Influencer-Kanälen, die Dinge in Abläufe bringen, Reihenfolgen und damit gar Kausalitäten suggerieren, verstärken das Missverständnis einer einfachen und geordneten Problemlage. Wenn alles so schön ordentlich erzählt werden kann, ist nicht einzusehen, warum Probleme nicht auch einfach gelöst werden können. 

Diese großen Sätze, so Nassehis Gesamtdiagnose, sind allerdings zu groß und zu pathetisch für die vielen kleinen und kontingenten Reallösungen, die sich auch viele kleine und konkrete Probleme beziehen könnten. 

Nassehis Diagnose stimme ich uneingeschränkt zu; über das Problem der großen Gesten habe ich schon mal ein ganzes Heft geschrieben. Nassehi bleibt auch ausdrücklich beim Problem und vermeidet Lösungen, allen voran politische Rezepte. Vielleicht liegt es auch am Verzicht auf die große Geste, dass die Argumentation streckenweise etwas zäh und redundant wirkt, denn die Geste ist schließlich auch Entertainment. Dem realistischen Erbsenzähler hört man nicht so gern zu. Brauchen wir jetzt mehr Achtung für Erbsenzähler? Oder müssen wir große Gesten auch für kleine und konkrete Lösungen entwickeln? Aber ist letzteres nicht die Königsdisziplin des Bullshittens? 

Catrin Misselhorn: Künstliche Intelligenz und Empathie

Werden Roboter unsere besten Freunde? Sollen wir Mitgefühl mit virtuellen Agenten haben? Ersetzen virtuelle Interaktionen Freundschaft, sind digitale Sexpuppen die besseren Paartherapeuten? 

Misselhorn holt in dem kleinen Band weit aus, erklärt einige Grundlagen von Empathie und Emotion – und kommt immer wieder an den Punkt: Menschen können recht bald mit allem möglichen empathisch sein, auch mit Bots und virtuellen Assistenten. Künstliche Intelligenzen, Roboter und andere digitale Surrogate können das allerdings nicht. Die Beziehung bleibt einseitig. 

Menschen könnten also durchaus von Robotern Empathie lernen, könnte man meinen – Misselhorn teilt diese Perspektive allerdings nicht. Zum einen ist auch die Empathie von Menschen gegenüber Robotern beschränkt: Menschen fühlen dann mit Robotern, wenn diese entweder einfache aber eindeutig erkennbare Androiden sind, oder wenn sie abstrahierte Intelligenzen sind, von denen nur sprachliche Äußerungen erkennbar sind. Sehr menschenähnliche Roboter dagegen befinden sich im uncanny valley, im unheimlichen Tal drastisch sinkender Empathie, denn sehr menschenähnlichen Robotern wird sehr kritisch begegnet. 

Der wesentlichere Kritikpunkt allerdings bezieht sich auf potenziell negative Auswirkungen von Empathie, die unempathischen Gegenständen entgegengebracht werden. Wenn Menschen emotionales Investment in Roboter oder Künstliche Intelligenzen, also in Gegenstände, stecken, wird sich das eher negativ auf ihre eigenen emotionalen Fähigkeiten auswirken Das gilt für unerwiderte Zuneigung ebenso wie für hingenommenen Missbrauch: Misselhorn diskutiert Überlegungen, ob nicht etwa sexuelle Gewaltphantasien therapeutisch gegenüber Robotern ausgelebt werden könnten und kommt zu dem Schluss, dass sich auch diese Strategie eher negativ auf Empathie und emotionale Intelligenz von Menschen auswirken würde. Täter lernen Missbrauch, sonst nichts. Die Fragestellung ist keine theoretische; aktuell steht der Versandhändler Shein wegen kindlicher Sexpuppen in Kritik. 

Roboter und Künstliche Intelligenz sind also sehr wohl moralisch relevante Größen in der Diskussion von Empathie und Intelligenz, folgert Misselhorn – allerdings eher im Umkehrschluss. Unempathisches Verhalten gegenüber Robotern trage dazu bei, Menschen im Allgemeinen an unempathisches Verhalten zu gewöhnen. Emotionale Erwartungen an Roboter und KI seien allerdings auch eher Quelle als Lösung von emotionalen Problemen – manchmal tragischerweise auch eher die Quelle jener Probleme, als deren Lösung sie verkauft würden. 

Ulf Poschardt: Shitbürgertum

Ulf Poschardt schreibt unterhaltsam. Er führt eine feinere Klinge als die Vertreter des österreichischen Rabiatnik-Kommentarjournalismus von Richard Schmitt bis Christian Ortner. Inhaltlich bleibt der Text aber mau. Seine Ausführungen sind auf sehr wohlwollende Interpretation der Leserschaft angewiesen. Denn man muss sehr genau lesen, um in seinen Ausführungen Unterschiede zu gelangweilten Gen Z- oder Gen A-AutorInnen („Alles genozidale Fascho-Rassisten und Zionisten, diese Boomer!“) oder Tante Käthe („Lidderadur ist was für Wasserköppe und diese feinen Herren haben alle zwei linke Hände“) zu finden. 

Für seine vermeintliche Gegenwartskritik am Mief des Jahres 2025 holt Poschardt weit aus und geht bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück; vor Freude über die dort gefundenen Bestätigungen seinr Thesen über die Gegenwart vergisst er aber, den Punkt zu machen, über welche magische Verbindung der Konservative des Jahres 1945 die Grüne des Jahres 2025 channelt. Oder ist es umgekehrt? Egal, denn Poschardt macht in seinem Buch gar keinen Punkt. Es ist eine Aneinanderreihung von Sätzen, die er vermutlich immer schon mal sagen wollte. 

Viele Gegenwartsanalysen sind ja ganz ok als Diagnose, versagen aber völlig bei jedem Versuch, sie als Handlungsorientierung oder Entscheidungsgrundlage zu verwenden, sie lassen sich nicht einmal in klaren konsistenten Aussagen zusammenfassen. Das gilt für woke Analysen toxischen Liberalismus ebenso wie für konservative Geißelungen verderbter Postmoderne – und für Poschardts Stammtischtirade für ewige Gymnasiasten, für die intellektuelle Verbrämung ein ebenso erstrebenswerter Bonus ist wie das gelegentliche Dinner beim Haubenkoch mit Mutti. 

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Treibt uns Technik in den Faschismus? Rainer Mühlhoffs Essay ist eine gute Bestandsaufnahme diverser mehr oder weniger intellektueller Strömungen rund um Technologie und Politik, seine Schlussfolgerungen sind dann allerdings etwas überstürzt gezogen – und teilweise schon durch die Fragestellung bedingt. 

Technik fragt anders als beispielsweise Literatur- oder Geschichtswissenschaft. Für Technik ist in erster Linie richtig, was funktioniert. Funktionieren ist dabei oft ein erfolgsorientiertes Konzept: Wenn etwas Erfolg bringt, Menschen wohlhabender macht oder bestimmte Probleme löst, gilt das als Funktionieren. Offen bleibt dabei die Frage, wessen Probleme gelöst werden und wer reicher wird – das muss nicht unbedingt demokratischen Prinzipien entsprechen. Technischer Erfolg kann mitunter auch recht engstirnig auf kleine Gruppen bezogen sein und quasidarwinistische Ausleseideologien promoten. Das ist politische kritisch zu sehen, unterstützt Vorstellungen vom Recht des Stärkeren und macht sich wenig Gedanken über Teilhabe aller, Fairness oder ausgleichende Gerechtigkeit.

Mühlhoff kritisiert auch frühe Fantasien vom Cyberspace als den klassischen politischen Autoritäten entzogener Raum als libertär, undemokratisch und frühfaschistisch; auch John Perry Barlow wird für Mühlhoff seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace wegen zum Proto-Faschisten. Ich denke, diese These ist weder haltbar noch sinnvoll (oder nützlich) und wirft ein eher fragwürdiges Licht auf Mühlhoffs weitere Ausführungen. Diese sind eher Agitation als Schlussfolgerung. Die Diagnose mag über weite Strecken zutreffend sein, wurde aber anderswo, etwa von Adrian Daub, besser und treffender ausgearbeitet. Mühlhoffs Forderungen aber überschätzen die Fähigkeiten von Technikphilosophie oder Digitalpolitik: Technik lässt sich nicht so wirksam regulieren, wie Mühhoff es gern sehen würde. Von Technik geht mehr gestalterische Kraft aus als vom Recht. Aber die Einsatzgebiete von Technik lassen sich regulieren. Hier sind vernünftige Regelungen tatsächlich essenziell für auch weiterhin funktionierende Demokratie. Vernünftig bedeutet allerdings, sich nicht pauschal einer diffusen Technofaschismus-Angst zu verschreiben.  

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen

Der großen Frage – Wer hasst den Westen und warum? – stehen bei Ziegler sehr fragmentarische Beobachtungen zu diversen Tiefpunkten der Kolonialgeschichte gegenüber. Wie rassistische Theoretiker, die ein geschichtsloses Afrika postulieren, das erst mit europäischen Entdeckern greifbar wurde, setzt auch Ziegler seine Problemgeschichte erst mit etwa 1830 an. Das ignoriert nicht nur 400 Jahre europäisch-afrikanischer Beziehungen seit Vasco da Gama, sondern auch afrikanische Geschichte an sich. 

Seine Lateinamerika-Analysen laborieren an ähnlichen Problemen; generell ist Zieglers Position: Der Westen ist in der Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte nicht konsequent genug, ist aber sehr konsequent darin, Menschen andere Aspekte westlicher Lebensformen aufzuzwingen (nämlich die Produktionsweisen) und Schuld an allem ist der Kapitalismus, genauer gesagt der Versuch des Westens, den Kapitalismus überall durchsetzen zu wollen, was bei ärmeren Ländern nicht immer auf Gegenliebe treffe. 

Das verwundert, denn Staatschefs außerhalb Europas verbitten sich heute Einmischungen in innere Angelegenheiten, nehmen eigene Interpretationen von Menschenrechten in Anspruch und wollen sich marktwirtschaftliche Entwicklung nicht nehmen lassen. Es sind weniger sozialistische Politeliten als aufstrebende Mittelschichten, die politische demokratische Entwicklungen vorantreiben und gegen Korruption auftreten. 

Ebenfalls verwundert, dass Ziegler beispielsweise Wole Soyinka als Zeugen für Hass auf den Westen aufruft. Es lassen sich viele hassspezifische Aufrufe von Soyinka finden – allerdings richten sie sich gegen Hass. 

Schlecht gealtert ist auch Ziegler Apologie auf Evo Morales. Morales ist für Ziegler antikapitalistischer Rückeroberer des Südens, die Wahl in Bolivien 2009 bezeichnet Ziegler als entscheidend für die Welt (diese Ausgabe wurde 2009 zuletzt überarbeitet). Morales gewann die Wahl überlegen. Dann kandidierte er entgegen seiner selbst erarbeiteten Verfassung 2015 für eine dritte Amtszeit und ging noch einmal – knapper – als Sieger hervor. 2019 wollte er ein viertes Mal Präsident werden, gewann unter fragwürdigen Umständen und wurde aus dem Land gejagt. 

Russland erwähnt Ziegler gar nicht, China kaum und auch die arabischen Ölgroßmächte beachtet Ziegler nicht. 

Weiteres bemerkenswertes Detail: Frauen sind bei Ziegler hübsch, naiv, schüchtern, korpulent oder kühl, während Männer gerissen, machtorientiert, gewinnend, sympathisch und durchsetzungsstark sind.