Ray Kurzweil macht keine halben Sachen – alles wird gut, die Singularity wird es richten. Singularity beschreibt den Zustand, in dem Mensch und Maschine eins werden, wir uns über medizinisch versierte Nanobots ewiges Leben sichern und neuronale Netze in Computern eins mit jenen in unserem Hirn werden.
Kurzweil prägte den Singularity-Begriff in einem vor zwanzig Jahren erschienenen Buch und liefert jetzt, als mittlerweile Chef-Visionär von Google, ein Update unter den Vorzeichen fortgeschrittener KI. Er sieht für alle Probleme durch Technik vorangetriebene Lösungen. Industrielle Fleischproduktion ist schlecht für Tier und Umwelt? Nanotechnologie und Laborfleisch werden das lösen. Der Klimawandel ist unaufhaltsam? Erneuerbare Energien machen große Sprünge nach vorne. Politische Entwicklungen wie Trumps “Drill Baby!”-Parolen ignoriert Kurzweil. Städte sind voll, Wohnungsnot macht sich breit, Immobilien werden unleistbar? Digitale Technologien ermöglichen mobiles und ortsungebundenes Arbeiten und werden so den auf den Städten lastenden Druck reduzieren. Ob das allen Menschen in allen Jobs wichtig ist und ob Menschen das auch wollen, ist für Kurzweil kein Thema.
Einen wesentlichen Beitrag zur Problemlösung wird künstliche Intelligenz leisten. KI beschleunigt Entwicklungen, zeigt neue Möglichkeiten auf und ist rein mathematisch jetzt schon dem menschlichen Hirn überlegen. KI wird ganze Jobfamilien verschwinden lassen. Kurzweil plädiert dabei für vernetzte Perspektiven: KI wird nicht nur auch Jobs schaffen, sondern auch im Jobmarkt komplexere Auswirkungen als das Verschwinden einzelner Jobs nach sich ziehen. Autonomes Fahren ist nicht nur schlecht für Trucker, sondern auch für den Truckerstrich, schreibt Kurzweil.
Und selbst wenn KI einen Großteil aller Jobs beseitigt und nur sehr wenig neue schafft, gibt es immer noch eine technische Lösung am nahen Horizont: Nanotechnologie, die aller erdenklichen Materialen synthetisieren kann, wird in Verbindung mit 3D-Druckverfahren alle Kosten für alles so weit senken, dass praktisch alle Güter (inklusiver über Nanotechnologie hergestellte Lebensmittel) für Menschen kostenlos sein werden. Sobald Nanotechnologieverfahren einmal etabliert sind, werden Reproduktionskosten für alles gegen Null gehen.
Kurzweil hält es also für realistisch, dass wir in absehbarer Zeit tausend Jahre alt werden, danke Vernetzung unserer Hirne mit KI unbegrenzt schnell und komplex denken können (zehndimensionale Räume oder ähnliches sind uns dann sonnenklar) und bei all dem keinen materiellen Stress haben. Das Verschwinden des materiellen Stress löst im übrigen auch Kriminialitäts- und politische Probleme: Alle haben alles, es gibt keinen Grund mehr, zu streiten.
Die letzten zwanzig Seiten seines Buchs widmet Kurzweil möglichen Problemen auf dem Weg zur Singularität. Die Problembehandlung zeigt eine doch etwas bedenkliche Flughöhe, von der aus Mühen der Ebene schlicht nicht mehr wahrnehmbar sind. Klar kann es schiefgehen, meint Kurzweil, aber Menschen haben schon oft unter Beweis gestellt, Probleme lösen zu können. Zum Beispiel die Bedrohung durch Nuklearwaffen. Das Buch erschien 2023, ein Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Kurzweils zweites Beispiel ist die Entwicklung der Corona-Impfstoffe; bei Moderna war KI massiv im Einsatz. Die Impfstoffentwicklung war toll zweifellos eine Erleichterung, nüchtern betrachtet aber doch keine Problemlösung einer Dimension, die es mit allen nur erdenklichen Szenarien der Zukunft aufnehmen kann.
Damit bleibt “The Singularity is Nearer” die ernstzunehmende Perspektive von jemandem, der dabei war und mit vielem recht hatte. Aber niemand hat immer recht. Und es ist umso leichter recht zu haben, je abstrakter Prophezeihungen sind.
Der relevanteste Gedanke von Kurzweils Buch sind die nie ganz deutlich ausgesprochenen aber doch öfters lesbaren Hinweise, dass dem Begriff der Intelligenz in der Diskussion Künstlicher Intelligenz zu viel Bedeutung beigemessen wird. Diese Einsicht findet sich auch in vielen industriell relevanten Diskussionen künstlicher Intelligenz. Mit der Überschätzung von Intelligenz beziehe ich mich nicht auf redundante Debatten darüber, was nun Intelligenz sei, wie wir das messen und ob die Intelligenz Künstlicher Intelligenz nun tatsächliche Intelligenz sei. Relevanter als Intelligenz ist nämlich Autonomie. Es ist, abgesehen von der kulturellen Kränkung für das Lebewese mit dem komplexesten biologischen Gehirn, grundsätzlich egal, wie intelligent die Empfehlungen von KI sind. Es wird aber ein einschneidender Eingriff, wenn Ergebnisse von KI keine Empfehlungen mehr sind, die von einem menschlichen Entscheider akzeptiert werden oder nicht, sondern wenn es autonome Entscheidungen werden, denen auch gleich Handlungen folgen. Dieser Schritt macht KI produktiver. Dieser Scrhitt wird aber bislang von allen Regelwerken für industriell produktive KI-Anwendungen, die über aufgeschlossenes Experimentieren hinausgehen sollen, tunlichst ausgeschlossen
Wie erlangt Wissenschaft Bedeutung im Alltagsleben? Können wissenschaftliche Ergebnisse alltägliche Anschauungen beeinflussen? Wie verhält sich Wissenschaft zu der Frage, wie Menschen Prioritäten setzen? Robert Oppenheimers Vorlesungsreihe aus den frühen 50er Jahren berührt eine Vielzahl heute noch brisanterer Fragen. Wo heute Verschwörungstheorien und Überschätzung der Wissenschaft ebendiese von zwei Seiten unter Druck setzen, waren es zur Zeit Oppenheimers Erkenntnisse aus Atomphysik und Quantentheorie, die Zweifel am Zusammenspiel von Forschung und Alltag säten. Diese Erkenntnisse sind bis heute nicht verdaut.
In der großen Welt, wir Oppenheiner es nennt, haben wir klar umrissene Objekte und können Vermutungen über Kausalitäten anstellen, die sich recht verlässlich argumentieren lassen und zu reproduzierbaren Ergebnissen führen. In der Welt der Atome wird die Beobachtung zunehmend schwieriger; Forscher müssen sich überdies mit ganz anderen Arten von Fragen beschäftigen. In der flüchtigen Teilchenwelt ist beispielsweise nicht ganz klar, wie lang etwas existieren muss, um als existent zu gelten. Kausalitöen lassen sich ebenfalls kaum begründen – welche Auswirkungen kann es auf die in der großen Welt vermeintlich beobachteten Kausalitäten haben, wenn ihre vermeintlichen Bauteile diesem Gedanken von Kausalität so gar nicht folgen? Und was sagt es über den Zusammenbau der großen Welt, wenn das Chaos in der Atomwelt die beobachtbaren und reproduzierbaren Abläufe gar nicht stört?
Oppenheimer sah darin einen Teil der Begründung dafür, dass Wissenschaft nicht darüber entscheidet, was Menschen wichtig ist und dass Wissenschaft Wege finden muss, sich mit Menschen in Verbindung zu setzen.
Die frühen 50er Jahre liegen etwa 30 Jahre vor dem Aufkommen der ersten Ansätze von Wissenschaftskommunikation. Thatchers Budgetkürzungen im England der 80er Jahre veranlassten Forschungsinstitutionen dazu, tatsächlich nähere Beziehungen zu Menschen zu suchen und den Nutzen von Wissenschaft zu begründen – um die Öffentlichkeit Wissenschaftsbudgets gegenüber positiver zu stimmen.
Aus heutiger Sicht stellt die Erkenntnis einen Knacks im Selbstverständnis von Wissenschaft als primärem Zugang der Welterfassung dar. Physiker von Bohr über Heisenberg bis Schrödinger haben ähnliche Grundsätze wie Oppenheimer formuliert, das verfälschte Ideal eine neutralen, rein an Fakten orientierten und von Wissenschaftlern und deren Werten und Lebenswelten unabhängigen Wissenschaft hält sich nach wie vor hartnäckig.
Oppenheimer kritisiert die Vorstellung der Welt als einer unveränderbaren Maschine, die vom Wissenschaftler nur beobachtet wird. Seine wesentlichen Einwände:
Wissenschaft ist kumulativ. Erkenntnisse bauen auf einander auf, Wissenschaft ist oft nur mit ausreichendem Vorwissen verständlich. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind daher auch immer von vorangegangenen Erkenntnissen abhängig; Wissenschaftsgeschichte beeinflusst die Zukunft der Wissenschaft und das wissenschaftliche Weltbild. Gibt es – im wissenschaftlichen Weltbild – einen Unterschied zwischen wissenschaftlichem Weltbild und der Welt „da draußen“?
Jede Messung, jede Beobachtung ist ein Eingriff und schafft eine „neue einmalige, nicht völlig voraussehbare Lage“. Denn die Art der Beobachtung legt fest, welche Eigenschaft der Situation genau bestimmt sein wird und welche weniger genau. Das ist eine nüchterne Beobachtung des Physikers, die heute häufig als esoterischer Wissenschaftszweifel kritisiert wird.
In der wissenschaftlichen Methode verwachsen Methode und Objekt mit zunehmender Spezialisierung miteinander. Methoden schaffen neue Objekte, Objekte, Erkenntnisse und Theorien erfordern Methoden – Wissenschaft ist nehr Gestaltung als Beobachtung.
Andere Wissenschaftstheorien kennen diese Überlegungen als Theoriebeladenheit von Beobachtung (Quine), Experimenters‘ Regress (Collins) oder induktives Risiko (Hempel).
Eine andere Feststellung von Oppenheimer kann als Variation zu Claude Shannons Informationstheorie gelesen werden: Wissen baut auf vorhergehendem Wissen auf und muss zu diesem in Beziehung gesetzt werden können. Es gewinnt aber vor allem dadurch an Bedeutung, dass es sich von vorhandenem Wissen unterscheidet. Alles andere bekommt keine Aufmerksamkeit, keine Relevanz – und ist letztlich möglicherweise auch kein Wissen. Bei Claude Shannon entsteht Information durch Vielfalt: Am informativsten ist die Zeichenkette, die die meisten verschiedenen Zeichen enthält. Rudolf Carnap und Yehoshua Bar Hillel haben die Überlegung als Bar Hillel-Carnap-Paradoxon auf die Spitze getrieben: Den größten Informationsgehalt enthält demnach die Information, die sich am deutlichsten von vorhandener Information unterscheidet. Das wäre der Widerspruch zu bekanntem Wissen. Solche Informationen senden sicher starke Signale und ziehen Aufmerksamkeit auf sich, letztlich bedeuten sie aber nichts, denn sie können nicht in Beziehung gesetzt werden, weder zur Ausgangsinformation, die sie verneinen, noch zu einer Beobachtung, denn sie entstehen nur aus der Verneinung. Insofern wäre die Leere am informativsten. Luciano Floridi als Interpret des Paradoxons versucht, diesen Widerspruch durch einen geschärften Informationsbegriff aufzulösen, der solcherart falsche Information (die sich auf Nichtexistierendes bezieht) nicht als Information gelten lässt.
Oppenheimer hätte vermutlich beides gefallen, sowohl das Paradoxon als auch der veränderte Informationsbegriff, denn Wissenschaft zeichnet sich für Oppenheimer dadurch aus, mit Antinomien, Unerwartetem und in der Alltagserfahrung scheinbar Umöglichem arbeiten zu können.
Wissenschaft klärt offene Fragen und löst Probleme – das ist auch hier Problem. Wissenschaft wird oft überschätzt und überfordert. Für Oppenheimer äußert sich das in der Überschätzung des beim einzelnen vorhandenen Wissens und in der Überschätzung der Einheitlichkeit in der Gemeinschaft. Einzelne verfügen, auch wenn sie sehr viel wissen, immer nur über punktuelles Wissen. Das kann ihnen zu sehr guter Orientierung in der Welt verhelfen und sehr nützlich sein, aber es ist trotzdem nur ein kleiner Auszug und aufgrund der kumulativen Eigenschaften von Wissen von anderen und anderem Wissen abhängig. Das Problem der überschätzten Einheitlichkeit äußert sich in der Annahme, Wissen wäre verbreitet und akzeptiert. Innerhalb der Wissenschaft kann es verschiedene Ansichten geben, wissenschaftlicher Konsens ist ein starkes Signal aber keine normative Verpflichtung, und Wissenschaft allein stellt keine politischen oder sozialen Regeln auf. Aus der Tatsache (oder der Vermutung), dass etwas wahr ist, geht keine Verpflichtung hervor, das kann nur innerhalb eines begleitenden Regelwerks oder im Rahmen anzuwendender Werte geschehen. Wissenschaft sollte sich allerdings den Fragen stellen, welche Entscheidungen vor welchem Hintergrund mit welchen neutral gemeinten wissenschaftlichen Ergebnissen argumentiert werden können. Das ändert nichts an der wissenschaftlichen Methode und ihren Ergebnissen. Aber es stärkt die Position von Forschenden, die ihre Ergebnisse verteidigen möchten.
Das Mißverhältnis zwischen Sein und Sollen, Wissenschaft und Politik, Diagnose und Handlung zeigt sich immer wieder im Verschwörungsumfeld, insbesondere im Corona-Zusammenhang. „Hört auf die Wissenschaft“ war die eine Extremposition – in der aber offen blieb, was „die Wissenschaft“ denn sagte. Virologen konnten Daten über die Verbreitung von Viren sammeln und auswerten, Bildungsforscher konnten sich mit der Auswirkung von Lockdowns auf Lernfortschritte beschäftigen, Ökonomen konnten diverse wirtschaftliche Szenarien berechnen. Alle Disziplinen konnten Empfehlungen zur Maximierung einzelner Ziele aus ihrer Disziplin berechnen. Die Abwägung zwischen Ansteckungs- und Krankheitsrisiken und wirtschaftlichen Verlustrisiken aber blieb der Politik überlassen. Die Priorisierung der einzelnen Ziele und Risiken ist keine wissenschaftliche Entscheidung, das ist eine Frage von Werten die politisch verhandelt werden.
Der Verhandlungsspielraum dabei ist gewachsen – und das ist nicht nur positiv. Überkommene Autoritäten mussten Platz machen und sich Argumenten stellen. Das sind Folgen von Aufklärung und Demokratisierung. Die Ausläufer heute sind spitze Einzelmeinungen, die in Talkshows als relevante Einwände gegen wissenschaftlichen Konsens dargestellt werden. Ähnliches kann Oppenheimer im Sinn gehabt haben, wenn er mahnend feststellt, dass sich die Einheit von Wissenschaft auf Gemeinschaft gründet. Wenn wir jeden Konsens jederzeit infrage stellen, Einzelmeinungen gleichberechtigt neben weitverbreitete und langerprobte Lehren stellen wollen, dokumentierte Ergebnisse durch Meinungen ersetzen oder aus einzelnen unter abgegrenzten Rahmenbedingungen durchgeführten Untersuchungen universelle Gesetzmäßigkeiten ableiten wollen, dann ist das eine Überstrapazierung wissenschaftlicher Methoden. Desinformation und Ignoranz tragen dazu ebenso bei wie die Überschätzung von Fakten und Evidenz. Information allein schafft noch keine Motivation, in einem bestimmten Sinn zu handeln.
Neben unterschiedlichen Zielen, Wertvorstellungen oder politischen Haltungen untergraben noch andere Entwicklungen Grundlagen gemeinsamen Wissens: Künstliche Intelligenz verkürzt für viele Menschen Denkwege und empfiehlt Ergebnisse, deren Grundlagen die Empfehlungsempfänger nicht kennen müssen. Wenn Menschen danach handeln, handeln sie nicht nach Grundlagen, die ihnen und ihren Mitmenschen gemein sind, sie handeln nach Grundlagen, die anderswo in Algorithmen verpackt wurden, die sich möglicherweise auch noch verändern. KI schwächt damit die Rolle offen gemeinsam ausdiskutierter Grundlagen und das common good, das im realen Leben eine relevante Rolle in menschlichen Entscheidungen spielte. Dieser letzte Gedanke stammt von Mark Coeckelbergh und beschreibt ein relevanteres und realeres Krisenszenario rund um KI als alle Dampfmaschinen-, Buchdruck- und Jobkiller-Metaphern zusammen.
Rechnungen und andere einfache Algorithmen sind leicht in die Zukunft übertragbar – dazu sind sie da. Sie beschreiben Abfolgen so, dass sie einfach, ohne Vorwissen und unabhängig von Bedingungen abgehandelt werden können. Sie sind einfache Rezepte. Aber wenn allem Anschein nach einem Algorithmus gefolgt wird, wie fänden wir den Beweis, dass tatsächlich dem Algorithmus gefolgt wird und das den Anweisungen des Algorithmus entsprechende Ergebnis nicht nur Zufall ist? Und umgekehrt: Kann man eigenen, individuellen Regeln folgen? Oder wären das entweder keine Regeln, oder keine eigenen Regeln? Wer „2+2“ mit „7“ beantwortet und auf der Richtigkeit dieser Antwort besteht, hat damit noch keine individuelle Regel etabliert, sondern punktuell etwas behauptet. Eine Regel wäre, zu jedem Ergebnis klassischer Addition den Wert 3 hinzuzurechnen. Das wiederum wäre keine individuelle Privatregel, sondern eine simple Verfälschung bestehender Regeln – wie ein schlechter Kryptographie-Algorithmus, dessen Ergebnisse zu nah am unverschlüsselten Original bleiben.
Kripke führt aus, wie diese einfache Frage Grundlagen von Wissen und Sicherheit berührt. Dabei vermeidet er urteilende Interpretationen Wittgensteins sondern versucht, dessen Gedankengänge nachzuzeichnen. In Kripkes Darstellung nimmt Wittgenstein dabei Züge eines Skeptikers an, der der Vorstellung von Solipsismus nicht ganz abgeneigt ist. Zumindest müssten Argumente auch einen Skeptiker überzeugen, um für Wittgenstein Bestand zu haben.
Warum sind diese Überlegungen zu bald hundert Jahre alten Bruchstücken relevant? Im Gegensatz zur frühen Systematik hat Wittgenstein in den späteren Schriften auf große Gedankengebäude verzichtet und die Angst vor Selbstwiderspruch abgelegt. In seinen nur wenige Zeilen langen Absätzen schafft Wittgenstein aber immer wieder viele neue Berührungspunkte mit großen Themen der Philosophiegeschichte.
Platonismus zum Beispiel gilt Kripkes Wittgenstein als Versuch, die Frage zu Umgehen, wie wir Regeln folgen. In einer platonischen Welt wäre die Addition keine Regel, sondern Ausprägung einer Idee sinnvollen Umgangs mit Zahlen. So wie ein Platoniker sich die Mühe sparen kann, einen Hund oder einen Sessel taxativ über Eigenschaften zu definieren, weil Hund und Sessel durch die Entsprechung der Idee von Hund oder Sessel als Hund und Sessel erkennbar sind, kann er sich Regelwerke und andere algorithmische Vorgangsweisen ersparen. Allerdings ist die Idee der Idee ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie die Vorstellung des gesunden Hausverstands: Beide sind mächtig, dürfen aber keine Detail-Diskussionen eingehen, um ihren Zauber nicht zu verlieren (Wittgenstein hatte im übrigen an anderer Stelle auch dazu mit seiner Angel-Metapher – solange Ideologien oder Gedankensysteme wie in Angeln schwingen können, funktionieren sie, wenn man fragt, worauf die Angeln ruhen, kommt man ins Schleudern – eine passende Anmerkung).
Behavioristen und andere psychologieorientierte Interpreten würden Regelfolgen als eine Art von Disposition auslegen, Wissenschaftstheoretiker könnten zu Konsistenzkonzepten oder Vorstellungen von Effizienz und Einfachheit greifen. Demnach folgen wir deshalb Regeln, weil es einfacher ist (oder weil es die einfachste Erklärung wäre). Das ist wenig überzeugend, leitet aber dennoch zu einem weiteren von Wittgensteins Gedanken über: Wir haben keine privaten Regeln; Regeln sind ein soziales Phänomen. Regeln brauchen nicht nur ihre interne Ordnung, sie müssen auch erkennbar und nachvollziehbar sein – sonst unterscheidet sich die Regel nicht von Laune oder Willkür. Wir können auch nicht irrtümlich einer Regel folgen: Zu glauben, einer Regel zu folgen, ist immer falsch. Wenn wir dabei des Richtige tun, ist es Zufall, wenn wir das Falsche tun, bricht es die Regel.
Kripke zieht hier Parallelel zu Humes Bemerkungen über Kausalität: „Private“, also aus Schlussfolgerungen oder einzelnen Beobachtungen abgeleitete Kausalität ist immer falsch. Zusammenhänge entstehen durch Reihen von empirischen Beobachtungen – und es bleiben Zusammenhänge, nicht notwendigerweise Kausalitäten.
Das ist eine klar abgegrenzte Position, die Spekulationen um Wahrheitskriterien aus dem Weg geht. Als Empirist hält sich Hume an das Zähl- und Beobachtbare, als Relativist (obwohl darüber viel gestritten werden kann) beharrt Wittgenstein darauf, dass Sachverhalte stets auch anders sein könnten. Kripke beschreibt das als einen Übergang von Wahrheitsbedingungen zu Behauptbarkeitsbedingungen: Wir machen uns dann keinen Kopf mehr darüber, was wahr ist und woran wir das erkennen können, sondern darüber, nach welchen Regeln wir etwas behaupten können, weil wir uns dann noch auf sicherem – argumentierbaren – Terrain befinden. Wittgenstein (und Russell) haben sich im Lauf ihrer Denkkarrieren von korrepondenzorientierten Wahrheitstheorien zu korresponzenorientierten Theorien hin entwickelt. Statt Übereinstimmung zwischen Aussage und Objekt als Wahrheitskriterium anzusehen, wird die Übereinstimmung zwischen Aussagen (oder die Möglichkeit logischer, konsistenter Beziehungen zwischen ihnen) zum Plausibilitätskriterium. Das ist eine ähnliche Entwicklung.
Wittgenstein erlaubt sich sogar so vage Begriffe wie den der Lebensformen: Lebensformen sind konsistente Umwelten, die ein gemeinsames Verständnis ermöglichen, die es also als plausibel erscheinen lassen, dass Menschen gemeinsamen Regeln folgen. Allerdings ist das ein schwacher Beweis.
Das Lebensformen-Argument ist umso schwächer, als Wittgenstein bemerkt, dass das Subjekt nicht zur Welt gehöre, es bilde vielmehr die Grenzen der Welt. Wittgenstein sagt das allerdings auf eine Art und Weise, die durchaus Anklänge an Heisenberg, Oppenheimer oder Schrödinger und deren Betonung der starken Verflechtung zwischen Mensch und Welt hat. Wittgenstein sieht das Subjekt nicht in der Welt, weil es zu wenig konstant, fassbar, abgegrenzt oder klar beschreibbar ist. Die Frage, was zum Subjekt gehört, was zur Welt, und was von der Welt nicht ohne Beziehung zum Subjekt existieren würde, hat andere zur Ansicht geführt, Grenzen zwischen Welt und Subjekt weniger scharf zu sehen, Wittgenstein zieht sie, zumindest für Kripke, schärfer.
Die Regierung in Österreich einigt sich auf ein Gesetz zur Überwachung von Messengerdiensten, das nach ziemlich einhelliger Meinung aller einigermaßen technisch versierten BeobachterInnen nicht umsetzbar ist. Ist das schlaue Taktik, um die Maßnahme zu verhindern? Spricht daraus Inkompetenz in digitalen Belangen? Ist das ein Symptom der dunklen Seite politischer Macht, die glaubt, Dinge durchsetzen zu können, egal was genau im Gesetz steht und real möglich ist?
Jedenfalls wirft die Situation recht grelles Licht auf das zunehmend problematische Verhältnis von Recht und Technik. Überwachung ist nicht der einzige Punkt, an dem dieser Konflikt sichtbar wird. Regulierungen für Social Networks, die Durchsetzung von Altersbegrenzungen für einige Onlinedienste und Diskussionen zur Marktsteuerung im Digitalen sind andere Streitpunkte. Vieles davon ist in aktuellen politischen Debatte Thema.
Ein erster Streitfall ist die Durchsetzbarkeit von Technikregulierungen. Recht ist national, Technik, vor allem digitale Technik, ist global. Das war lange Zeit ein großes Freiheitsversprechen; Kommunikation und Märkte überwanden nationale Beschränkungen, auch die strengsten Diktaturen verloren die Kontrolle darüber, welche Informationen und Produkte wo sichtbar waren. Dieser Zustand hielt allerdings nicht lang an. Netzsperren, Zensurmaßnahmen, Internetsteuern sind nur einige Mittel, mit denen Regierungen heute massiv in Netze eingreifen. Bislang ist das allerdings noch anrüchig: Das sind radikale Maßnahmen, die allenfalls Diktaturen zu Gesicht stehen. Demokratien möchten das vermeiden.
Das Freiheitsversprechen ist auch noch von einer anderen Seite unter Druck geraten: Große Plattformen haben die Tendenz zur Belanglosigkeit. Je größer Internetdienste wurden, desto weniger konnten sich dort Informationen von den Rändern des Wissens halten. Wo um die Jahrtausendwende noch bunte Felder aus Blogs, privaten Webseiten und Bibliotheksdatenbanken vielseitiges Wissen versprachen, setzte spätestens mit dem Siegeszug von Google ein einzigartiger Konzentrationsprozess ein, der sich durch die Verlagerung auf Social Networks als primäre Informationsquellen noch weiter an beschleunigt hat. Digitale Information ist heute im Allgemeinen in erster Linie mehr vom Gleichen.
Aus der staatlichen Regulierungsperspektive betrachtet heißt das vor allem: Nationale Gesetze können internationalen Plattformen nicht vorschreiben, was sie tun. Sie können sie allenfalls darin beschränken, wo sie es tun können. Das ist not in my backyard-Gesetzgebung. Und es ist ein Fall von Recht, das die Technik kalt lässt. Technik verändert sich hier nicht.
Ein zweiter Streitfall betrifft die Ebene der Regulierung: Macht es Sinn, globale Phänomene auf anderen, eben nationalen, bestenfalls teilweise kontinentalen Ebenen zu regulieren? Schaffen sich die Regulierenden damit nicht bloß Wettbewerbsnachteile? Sind lokale Regeln für globale Prozesse nicht bloß Kosmetik, die ausdrücken, was unerwünscht ist, die zugleich aber auch Schwäche eingestehen, weil man nicht wirklich etwas gegen das Unerwünschte unternehmen kann?
Die empfindlichen Reaktionen der USA auf europäische Maßnahmen wie Digital Services Act und Digital Markets Act zeigt allerdings, dass auch Kosmetik dazu beiträgt, den richtigen Rahmen zu gestalten. Das Argument “Das bringt doch nichts” gilt hier weniger. Schließlich hat man in den Frühzeiten des Internet auch geglaubt, dass Netzsperren keine effiziente Maßnahme sein werden.
Der dritte und wesentliche Streitpunkt betrifft die Frage, was überhaupt rechtlich geregelt werden kann. Recht kann Menschen Verhalten vorschreiben und Sanktionen daran knüpfen. Das gilt für Verbote und für Gebote. Recht kann auch den Einsatz von Technik ge- und verbieten. Recht könnte sogar so weit gehen, die weitere Entwicklung oder den Ausbau bestimmter Technologien zu verbieten. Rechtlich kann das formuliert werden, praktisch schafft das Schwarzmärkte. Ein Dauerbrenner ist die Diskussion zu Nuklearwaffen. Die Technologie ist in der Welt. Der Streit darüber, wer sie unter welchen Bedingungen verwenden darf, führt gerade wieder in den Krieg. Hätte man die Entwicklung schon in den 40er Jahren unterbinden sollen? Damit hätte man nicht ihre Entstehung verhindert, sondern nur verändert, wer Nuklearwaffen als erster einsatzbereit gemacht hätte, lautete schon damals das Argument.
Es geht allerdings noch einen Schritt problematischer: Was machen wir, wenn das Recht Technik vorschreibt, die es nicht gibt? Genau das passiert aktuell bei der Messengerüberwachung in Österreich. Spionagesoftware soll nur das entschlüsseln können, was im konkreten Überwachungsauftrag steht. Ermittlungsbehörden bekommen also beispielsweise Signal- und Telegramchats der überwachten Person, aber nicht deren Browserverläufe oder Emails, wenn das nicht ausdrücklich angefordert wurde.
Es ist zweifellos möglich, die Weitergabe von Daten dergestalt einzuschränken. Allerdings ist es eben der Sinn von Spionagesoftware, alles abzugreifen und aufzubereiten. Die verbotene Information ist also vorhanden – nur nicht bei den Ermittlungsbehörden, sondern beim Softwarehersteller. Wie der diese nutzt, das entzieht sich der Kenntnis des Softwareanwenders, also der Ermittlungsbehörden. Das öffnet das Potenzial für einen weiteren großen Schwarzmarkt mit Daten, der den ohnehin schon existierenden Schwarzmarkt für Sicherheitslücken überaus effizient ergänzen wird.
Das ist ein punktuelles Beispiel dafür, dass rechtliche Regeln technisch nicht machbar sind. In der Praxis ist das oft ein Sonderfall der Situation, dass der Einsatz bestimmter Technologien verboten werden soll. Der Versuch der positiven Formulierung soll darüber hinwegtäuschen, dass die Regeln nicht durchsetzbar und kontrollierbar sein werden. Im Fall der Messengerüberwachung wird die Einschränkung des Überwachungsumfangs als Merkmal einer besonders sicheren Technologie verkauft. Tatsächlich ist das vermeintlich stolze Gesetz aber die aus einer Position der Schwäche formulierte Bitte an Softwarehersteller, ihre überlegene Position nicht auszunützen.
Gesetze können verabschiedet werden, fast unabhängig davon, ob sie Sinn machen oder umsetzbar sind. Deutliches Zeichen dafür war die Aufhebungsorgie schwarzblauer Gesetze.
Wie können aber Gesetze, die an der Realität vorbei formuliert werden, auf beispielsweise Verfassungskonformität überprüft werden?Die formale Semantik kennt hier unterschiedliche Ansätze: Wir können korrekte Aussagen formulieren, die nichts mit der Welt zu tun haben. Ich kann zum Beispiel sagen: „Der Aufzug in meinem Haus ist häufig kaputt“, obwohl es in meinem Haus keinen Aufzug gibt. Für diese Aussage können Wahrheitstabellen erstellt werden, die den Regeln der Logik zufolge positive Wahrheitswerte liefern können. Aber sollte diese Aussage überhaupt Wahrheitswerte liefern können? Semantiker haben dazu verschiedene Theorien formuliert.
Vermutlich kann so ein Gesetz verfassungskonform sein, auch wenn es einen Zustand beschreibt, der nicht umgesetzt werden kann. Aber was ist die rechtliche Folge der mangelnden Umsetzbarkeit? Bescheide von Verwaltungsbehörden können einseitig (also durch die Behörde) aufgehoben werden, wenn sie nicht umsetzbare Maßnahmen vorschreiben. Wer verantwortet im konkreten Fall die Interpretation des Gesetzes und verhindert ein voreiliges „Gut genug, passt schon“? Technik ist eindeutiger als Politik, in Politik geht es immer um Spielräume und darum, sie auszunützen. Auf welcher Seite wird die Verwaltung eher stehen? Das wird eine Frage des politischen Klimas und der politischen Redlichkeit zum Zeitpunkt der Umsetzung.
Eine weitere Frage: Wie gehen wir damit um, wenn sich herausstellt, dass die Umsetzung nicht den Kriterien entspricht? Wo liegt der Fehler, wenn eine nach vermutlich verfassungskonformen Vorgaben entstandene Umsetzung dem Text und der Idee der Vorgaben nicht entspricht? Ist es das Problem der ExpertInnen in der DSN? Oder ist es das Problem des Softwareherstellers, der Lösungen zugesagt hat, die er nicht umsetzen kann? Und wer kann dann wie in die Verantwortung genommen werden, wer trägt das Risiko? Wie setzt Österreich US- oder Israeli-Firmen gegenüber österreichisches Recht durch?
Und kann der Verfassungsgerichtshof ein Gesetz aufheben, dass dem Text nach verfassungskonform ist, aber der Technik nach nicht umgesetzt werden kann und damit prinzipiell bloße Fiktion ist?
In der Technikgesetzgebung werden Institutionen und Praktiken neu auf die Probe gestellt.
Neben den ontologischen und semantischen Problemen (Wie entscheiden wir über Wahrheit und Rechtmäßigkeit von etwas, das es nicht geben kann?) erzeugt das schwierige Verhältnis von Technik und Politik ein weiteres Missverständnis. In Diskussionen der vergangenen 30 Jahre wurde oft das Missverhältnis von menschenorientierter, freiheits- und zukunftsorientierter Technik und verbohrter rückständiger Verwaltung heraufbeschworen. Technik innoviert, Recht reguliert, bremst, blockiert, ist politisch verunreinigt und gesteuert. Technik agiere unvoreingenommen, frei, fakten- und erfolgsorientiert. Politik und Recht sein von Macht- und Bewahrungsinteressen durchsetzt.
Diese Einschätzung und der daraus erzeugte Freiheitskult um Technik hat Technik so viel Freiraum verschafft, dass Big Tech heute die Interessen einiger weniger bündelt und größer ist als Politik.
Das ist nur die praktische Seite des Problems. Die systemische Seite: Es gibt keine neutrale, faktenorientierte und desinteressierte Technik oder Wissenschaft. Beide sind in kulturelle und soziale Systeme eingebettet.
Vermutlich muss sich erst diese Einsicht vermehrt durchsetzen, bevor wir zu einem neuen sinnvollen Verhältnis von Recht und Technik kommen.
Zu den neutralen, faktenbasierten und ergebnisoffenen Grundlagen nicht neutraler, faktenbasierter und ergebnisoffener Technik und Wissenschaft schreibe ich gerade etwas längeres. Für die Zwischenheit gibt es deshalb hier nur ein paar Links zu Vorstudien dazu:
Spätestens nachdem ich Houellebeqcs “Serotonin” gelesen hatte, hatte ich für längere Zeit mal genug von männlicher Erweckungsliteratur. Houellebeqc kann gar nicht viel dafür, das war einfach eine Frage der Zeit. Männer erleben irgendwas, haben eine Einsicht, eine Idee – und von dort aus spinnt sich ein Plot, meist Roadmovie-ähnlich, der sonst völlig haltlos wäre. Mit der Erweckung als Rahmenhandlung fällt dann vielleicht nicht ganz so auf, wie haltlos der Plot ist. Mittlerweile haben Frauen nachgezogen und fabrizieren ähnliche Erweckungstexte. Es sind dann quasi symbolische Roadmovies, die von Druck, Erwartungen und Erkenntnissen handeln. Der Unterschied: Während männliche Erweckungsprosa Einzeltäter stilisiert, wollen weibliche Gegenstücke oft mitnehmen. Das funktioniert auch nicht immer. Googelt man AutorInnen, die schon länger in diesem Geschäft sind, Sophie Passmann etwa, findet man eine Reihe von Distanzierungen, Entschuldigungen oder Zurücknahmen misslungen ironischer Unterstellungen. Männer machen sich im übrigen mittlerweile kaum weniger selbstdestruktive Gedanken. Wobei vermutlich zwei wesentliche Unterschiede bestehen: Männer profitieren eher von Nachdenklichkeit – es kann ein Profilierungsmerkmal sein, dass wiederum hilft, Einzeltäter zu stilisieren (womit wir wieder am Anfang sind). Der zweite Unterschied: Männer betrachten diese Art der Selbstverunsicherung eher als destruktiv als Frauen. Wobei Männer weniger ein Problem mit (Selbst)Destruktivität haben; das äußert sich auch in Saufen, Rasen und Extremsport. Damit verstärken neue Verhaltensweisen (wie Selbstreflexivität) alte. Was hat das mit diesem Buch zu tun? Es ist ein Versuch, Verbindungen herzustellen zu einer Welt, in der die Autorin eine Vielzahl von Therapie- und Massagetechniken erlernt (um sich kennenzulernen), zwei bis drei neue Theorien und AutorInnen pro Seite anreißt und deren Zitate aneinanderreiht und damit Breite und Tiefe herstellt, die nicht wirklich greifbar wird. Wir alle sind doch mit uns unzufrieden, denke ich mir nach dem Lesen solcher Erweckungstexte immer. Aber wir haben noch nicht alle unser Buch dazu geschrieben.
Eine entfernte Tante war als junge Frau mit einem deutlich älteren Schotten zusammen, der sehr stolz auf seine Abstammung als – verarmter – schottischer Earl war. Das hatte meine Tante zur Ahnenforschung motiviert. Das Unternehmen endete bei einem unehelich geborenen Sohn einer Magd, der zur Zeit Maria Theresias als Schweinehirt in Niederösterreich lebte. Wenn ich mich nicht irre, hieß er auch Michael.
Die Bauernkriege des 16. und 17. Jahrhunderts verpufften in ihrer politischen Wirkung ähnlich schnell. Sie dauerten auch jeweils nur einige Monate. Ohne die überaus heftige und blutige Reaktion von Adel, Kirche und andere Obrigkeiten hätten sich die Ereignisse vermutlich gar nicht so nachhaltig in der Geschichte verankert. Denn eigentlich waren die Kriege ein Misserfolg. Vor allem der Bauernkrieg von 1525 führte zur Wiedereinführung von Zwangs- und Unterdrückungsmaßnahmen, die erst nach 1848, mit der Unterstützung diesmal oft adliger Revolutionäre aufgehoben wurden.
1525
Lyndal Roper beschreibt den Bauernaufstand 1525, der als plündernde Sauftour durch Klöster begann, schnell zu Gewaltexzessen führte und damit die Rache des Imperiums noch stärker anfachte. Jacob Rohrbach, Kommandant der Weinsberger Bluttat, bei der im April 1525 eine ganze Burgbesatzung hingerichtet wurde, wurde schon im Mai 1525 bei lebendigem Leib verbrannt. Nur eine Woche später wurde Thomas Müntzer, geistlicher Führer der Bauernaufstände, geköpft.
Das beruhigte wohl insgeheim einen von dessen Widersachern: Martin Luther galt mit seiner Reformation als einiger der Väter der Bauernaufstände. Viele Revolutionäre argumentierten mit Luthers Lehre, keinen Herrn außer Gott haben zu wollen. Thomas Müntzer wird als charismatischer Prediger beschrieben, der mit seinen lutherisch inspirierten Predigten Tausende in die Schlacht schicken konnte.
Luther selbst hielt sich aus den Revolutionswirren heraus und distanzierte sich im Verlauf der Kampfhandlungen immer weiter sowohl von den Bauern als auch von Müntzer, um sich schließlich ganz auf die Seite des Adels zu schlagen.
Ropers Erzählung ist eine von vielen Enttäuschungen. Bauern hörten Storys von Gleichheit und Freiheit, von Reformen in der Kirche und von Rechtfertigungsmöglichkeiten vor Gott. Unterdrückerische Grundherren und reiche Klöster waren unbeliebt. Bauern setzen ihre Hoffnungen in höhere Instanzen – göttliche und irdische. Sie richteten Petitionen an Fürsten und Obrigkeiten, boten verarmtem Adel an mitzumarschieren und hielten Brüderlichkeit hoch. Roper weist darauf hin, dass die Betonung von Brüderlichkeit auch einen Ausschluss von Frauen bedeutete. Die waren nicht mitgemeint. Verarmte Ritter marschierten teils freiwillig, teils aus Angst mit. Berühmtester adliger Bauernführer war wohl Götz von Berlichingen, Goethes Ritter mit der Eisernen Hand, der es allerdings eilige hatte, seine Rolle herunterzuspielen, als sich das Glück gewendet hatte.
Vielleicht hatten einige besser gestellte Adlige kurz damit geliebäugelt, die Bauern erst mal machen zu lassen. Klöster plündern und die mächtige Kirche schwächen – das war politisch nützlich. Die Grundherren und den niedrigen Adel beschäftigen – auch das war für einen Fürsten im Sinne von Teile und Herrsche-Strategien nicht grundsätzlich verkehrt.
Mit zunehmendem Erfolg und steigender Gewaltbereitschaft aber kippte die Stimmung, Bauern sahen sich nicht nur von Luther und der Reformation, sondern auch von den Landesfürsten enttäuscht. Die schlugen hart zurück und nützten die Gelegenheit, einige Verschärfungen einzuführen, den Bauern mehr Lasten aufzuerlegen und ihre Situation weiter zu verschlechtern – mit Auflagen, die teils erst nach den Revolutionen von 1848 beseitigt wurden.
Roper nimmt für sich in Anspruch, die Lebenswelt der Bauern zu beschreiben und ausgehend von der Frage, wie es ist, Teil einer Bauernarmee zu sein, zu schreiben. Das gelingt nicht ganz. Die dichten Ereignisse innerhalb kurzer Zeit sperren sich gegen flüssige Dramaturgie. Dennoch ist das Buch allein schon der Materialdichte wegen lesenswert.
1848
Jörg Bong erzählt 300 Jahre später weiter. Bong streut gekonnt Anekdoten in sein breit aufgespanntes Panorama – Richard Wagner protestierte gemeinsam mit Michail Bakunin auf Barrikaden in Dresden, Karl Marx und Heinrich Heine waren Freunde und wie auch Marx’ Frau Jenny waren viele der 1848er Revolutionäre aus gutem Haus oder zumindest reich verheiratet.
Wöhrend die Bauernrevolution von 1525, abgesehen von gelegentlicher Inspiration durch die Reformation, eher eine Grassroots-Bewegung war, war die Revolution von 1848 in Deutschland und Österreich eine Sache der besseren Schichten. Und sie war stark vom aufgeklärten Absolutismus Josef II und von internationalen Beziehungen geprägt. Aus Josef II Leitspruch „Alles für das Volk, nichts durch das Volk“ wurde „Alles für das Volk, alles durch das Volk“ und die Bekannten der Pariser Exilanten rund um Heinrich Heine hielten es nach der Pariser Revolution nur noch für eine Formsache und eine Frage der Zeit, bis die Revolution auch den Rest Europas erreichen würde.
Während sich die Republik in Frankreich zumindest vorübergehend durchsetzte, verlief die Sache in Deutschland um einiges schleppender. Revolutionäre Demokraten versuchten sich lang in Verhandlungen. Die damals sogenannten Liberalen flüchteten sich schnell in den Kompromiss einer konstitutionellen Monarchie. Darin erschöpfte sich der Revolutionsbeitrag der Liberalen – das sollte man im Kopf behalten, wenn heute Burschenschaften und Deutschnationale auf ihre vermeintlich heldenhaften Revolutionsrollen anspielen wollten. Ziel der Liberalen war auch weniger die Demokratie als die Einigung des damals noch in viele Fürstentümer und Königreiche zersplitterten Deutschland; eine Einigung möglichst ohne Österreich, im übrigen.
Zusagen und vage Kompromisse der Obrigkeiten nahmen den Revolutionären in Deutschland viel Wind aus den Segeln, die Kompromissbereitschaft der Liberalen verstärkte diese Lähmungseffekte. Von Struwwelpeter-Erfinder Erinder Heinrich Hoffmann stammt eine zeitgenössische Bart-Typologie für Politiker. Auch dabei unterschieden sich Demokraten und Liberale deutlich. Demokraten trugen Vollbart, Liberale allenfalls Kinnbart, wenn nicht überhaupt nur Lippenbart.
Eindeutig demokratenbärtig waren die heute nur noch wenig bekannten deutschen Revolutionsführer Georg Herwegh und Friedrich Hecker. Herwegh, zu seiner Zeit auch erfolgreicher Dichter, verbrachte viel Zeit in Paris und kehrte hoffnungsfroh zurück, um große Enttäuschungen zu erleben. Wie Friedrich Hecker wollte er sich nicht damit abfinden, dass die Revolution ihr Ende fand, bevor sie eigentlich begonnen hatte. Ein paar Zugeständnisse in der Pressefreiheit und der Abschied Metternichs sollten nicht die einizigen Erfolge bleiben. Sie organisierten von verschiedenen Standorten aus Truppen, die deutsche Regierungsstandorte einnehmen sollten. Es sollten so viele revolutionäre Bauern und Bürger losmarschieren, dass das Militär sie schlicht nicht alle über den Haufen schießen konnte. Es sollten so viele sein, dass niemand die Zahl der Toten, die notwenidg wäre, um diesen Aufstand niederzuschlagen, politisch überleben könnte.
Der Plan ging nicht ganz auf. Herwegh marschierte mit 40 Leuten los. Im Lauf der Zeit wurden es einige mehr, in Summe waren es schließlich mehrere hundert, von denen sich einige wieder verloren, bevor es zu entscheidenden Kämpfen kam. Die Niederlage schließlich war vernichtend, Herwegh und seine Frau entkamen knapp, versteckten sich für einige Tage bei Bauern und schafften es als Landarbeiter getarnt über die Grenze in die Schweiz.
Friedrich Hecker war ein ähnlcihes Schicksal beschieden; die beiden Mini-Armeen trafen nie auf einander, um gemeinsam loszuschlagen. Hecker zog sich wieder nach Frankreich zurück.
Herwegh kehrte nach 1860 nach Deutschland zurück und erlebte noch mit, wie der preußische Prinz, einer der ausdrücklichsten Gegner der Revolution, deutscher Kaiser wurde.
Wilhelm I hatte bis dahin politisch einiges überlebt. Er soll seinem Vater Friedrich Wilhelm III, damlas König von Preußen, zu größter Härte gegen die Revolutionäre in Berlin geraten haben. Die Straßenschlachten müssen blutig und brutal gewesen sein, unter den Opfer waren auch viele Unbeteiligte, die bloß aus ihren Fenstern gesehen hatten oder in Häusern lebten, in die sich Revolutionöre geflüchtet hatten. Überlebende sammelten am Morgen danach die Toten ein und bahrten sie ungewaschen, blutig wie sie waren, im Schloßhof auf. Militär und Wachen müssen von der Zahl der Toten so verunsichert gewesen sein, dass sie nicht einschritten. Sogar der König trat gegen den Rat seines Sohnes vor die Tür, besah das Leichenfeld – und zog seinen Hut.
Das war ausgefeilter politischer Aktionismus von beiden Seiten. Trotzdem gab es kein weiteres Entgegenkommen des Militärs. Und es dauerte weitere 70 Jahre, bis die Monarchien in Deutschland und Österreich ihr Ende fanden.
1626
Für den Oberösterreichischen Bauernkrieg stehen kommendes Jahr einige 400-Jahr-Jubiläen an. Ein Großteil der Literatur zur 1626 ist veraltet und vergriffen. Der Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung zum 350jährigen Jubiälum ist solide 70er-Jahre Sozialwissenschaft in eng gesetztem zweispaltigem Layout. Auch für die Oberösterreicher gilt: Berühmt wurde der Krieg durch die heftige Gegenreaktion, allen voran das Frankenburger Würfelspiel, bei dem 36 Aufständische gegeneinander um ihr Leben würfeln mussten. Die Verlierer wurden gehängt.
Die Aufstände zogen sich über wenige Wochen und gerade Stefan Fadinger, berühmtester Anführer der Bauernheere, wurde schon im Juli des Jahres erschossen. Die Aufstände kamen nicht aus dem Nichts: Reformations-Streitigkeiten hatten sich über die letzten hundert Jahre gezogen, Ende des 16. Jahrhunderts waren schon nennenswerte Kämpfe aufgeflammt. 1620 hatten die Stände, also die bessergestellten Oberösterreicher den Aufstand geprobt. Oberösterreich war damals an Bayern verpfändet, Adam von Herberstorff, eigentlich ein österreichischer Adeliger, hatte die Sache für den Bayernkönig geregelt und wurde zur Belohnung Statthalter in Oberösterreich.
Diese Konstellation führte wohl auch hier zu einer gewissen Unschlüssigkeit gegenüber den revoltierenden Bauern: Sie waren viele, Städte und Bürger wurden bedeutender, die Bedeutung des Adels nahm ab. Bauern waren Protestanten – so wie es oberösterreichische Adelige zuvor gewesen waren, bevor sie zur Rettung ihres Besitzes zurückkonvertieren mussten. Solange sie Bayernheere bekämpften, war das dem verbliebenen österreichischen Adel gelegentlich nicht ganz unrecht. Oberösterreich hatte um 1620 etwa 300.000 Einwohner, davon war etwa ein Zehntel in den Ständen vertreten. Von diesen 30.000 Personen waren ein gutes Drittel Geistliche, ein knappes Drittel Ritter (also niederer Adel) und das restliche Drittel, Tendenz sinkend, entfiel auf den Herrenstand. Einige Ritter marschierten auch hier mit den Bauern mit – unter Zwang, sagten nachher alle.
Beide Bauernkriege sind trotz der hundert Jahre dazwischen Elemente einer häufig wiederholten Geschichte von oben und unten. Bauern starben zu Tausenden, Adelige Überläufer, die aufseiten der Bauern gekämpft hatten, kamen davon. Nur Achaz Wiellinger, Nachfolger Stefan Fadingers als Bauernhauptmann, wurde auch hingerichtet. Es bestand allerdings Zweifel an der Korrektheit seiner Adelstitel.
General Pappenheim ließ mehrere tausend Bauern abschlachten, auch nachdem der Kampf schon verloren war, und bewunderte anschließend den Mut seiner Gegner. Vermutlich wussten die militärisch unerfahrenen und ungebildeten Bauern gar nicht, dass es auch eine Option gewesen wäre, sich zu ergeben.
Vielleicht sind die Verhältnisse heute etwas einfacher. Trotzdem wirkt noch vieles nach – auch die Frage, auf welcher Seite der Revolution man sich zuhause fühlt.
Most-Voodoo
Eine neue Entdeckung in den Bauernkriegs-Dokumentation war für mich der weit verbreitete Aberglaube auch in militärischen Dingen. Bauern hatten Zaubertränke, aßen kleine Zettel mit Hexensprüchen von der Schlacht und sangen Schlachtlieder, die Schuss-. Hieb- und Stichfestigkeit bewirken sollten. Stefan Fadinger galt als unverwundbar (und starb, gemessen an dieser Zuschreibung) ziemlich schnell.
Trotzdem waren sich die fürstlichen und kaiserlichen Truppen nicht so sicher. Soldaten antworteten, in dem sie in die Kugeln ihrer Gewehre Zeichen ritzten, die diesen Unverwundbarkeitsbann brechen sollten.
Rund um diese Ideen schlossen sich noch in den nächsten hundert Jahren viele Zauberer- und Hexenprozesse an. Berühmt wurde die Kaperger Bande. Ich denke, ich muss da weiterlesen …
Stefan Fadinger macht sich schussfestBauern fangen Kugeln mit der Hand.Stefan Fadinger wird erschossen.Stefan Fadinger trinkfest.
Es gibt Bücher, die kann man als alter weißer Mann tatsächlich nur zur Kenntnis nehmen. In “Schwarz und Frau” beschreibt Dangaremba Hindernisse und Hürden auf ihrem Weg als schwarze Frau vom Pflegekind zur prominenten Autorin. Prägend sind Erfahrungen als Pflegekind in einer weißen christlichen Familie in Simbabwe. Simbabwe hat als ehemaliges Rhodesien eines der ausbeuterischsten Kolonial-Terrorregime hinter sich. Dangaremba wurde von ihren Eltern, die Ausbildungen in England absolvierten, in Pflege gegeben. Unkonventionelle Erzählstile und Dramaturgien entsprachen nicht dem Curriculum der Creative Writing-Klassen im College.
Unbestritten: Europäische Aufklärung ist voll von Rassismus, absurden Gender-Theorien und imperialistischen Ansprüchen. Weiße Europäer haben in den vergangenen 500 Jahren vielen Menschen im Süden und anderen neuen Welten das Leben zur Hölle gemacht.
Es ist aber doch etwas zu kurz gegriffen, die Geschichte von Ausbeutung und Imperialismus erst mit dem Römischen Imperium beginnen zu lassen und sie damit auf Europa einzugrenzen. China? Osmanen? Dangaremba selbst erzählt anekdotisch, dass römische Imperialisten in ihrem Imperiumsdünkel die eben unterworfenen Briten als wilde rückständige Untermenschen beschrieben. Konnte der Brite, Inbegriff des weißen Herrenmenschen der afrikanischen Kolonialzeit, Opfer von Rassismus und Imperialismus sein?
Einige Thesen taugen, wie öfters im identitätspolitischen Umfeld, einigermaßen als Diagnose, aber wenig als Handlungsempfehlung. Progressiver Separationismus, Standpunkttheorie und ähnliche Positionen helfen vielleicht bei der Problemfeststellung, aber nicht bei dessen Behebung.
Manchmal drängt sich auch die Frage auf, ob die Diagnose treffend ist – oder wie weit die Verknüpfung eines allgemeinen „Unbehagen in der Kultur“ (das auch ein anderer alter Mann beschrieben hat) mit spitzen Perspektiven zu mehr als persönlicher Erkenntnis führt. Den Wert dieser Erkenntnis zu beurteilen möchte ich mir nicht anmaßen.
Es ist ärgerlich, wenn Cancel Culture, PoMo-Politik oder eben Identitätsrants mit Foucault beginnen. Foucault war vermutlich kein angenehmer Mensch, eher problemverliebt als lösungsorientiert und durchaus auf die passende Pose bedacht, es wäre aber grobes Unrecht, ihm irgendeine Art des Hangs zum Universellen unterstellen zu wollen. Es ist der Kern von Foucaults Arbeit, sich gegen Essenz, Substanz, Wesen und andere Vorstellungen einer letzten, „hinter den Dingen“ liegenden Objektivität oder Wahrheit auszusprechen. Dabei ist Foucault nicht einmal Relativist. Er beschränkt sich auf die Analyse dessen, was wir für unser Verständnis heranziehen können und unterscheidet es von dem, über das zu spekulieren sinnlos wäre.
Gegen Ende seines Buches räumt Mounk das auch ein. Dennoch ist es ein wenig ärgerlich, in den ersten Kapiteln zu suggerieren, es ließe sich eine direkte Linie von Foucault, Lyotard oder Derrida zu den Auswüchsen aktueller Identitäts-Absolutismen ziehen. Beispiele für solche Absolutismen finden sich in akutellen Rasse-, Postkolonialismus- oder Transgender-Theorien.
Auch frühe postkoloniale AutorInnen werden von Mounk nicht ganz fair in die Ahnenreihe von PoMo-Identitären IdeologInnen gestellt. Edward Said verwehrte sich ganz entschieden gegen jedweden Essenzialismus, der obskure Faszination für das Orientalische schaffte und Menschen aus dem Orient von Personen zu Ausstellungsstücken in europäischen Salons verwandelte.
Gayatri Spivak bezeichnete ihren Essenzialismus ganz ausdrücklich als strategischen Essenzialismus und distanzierte sich später noch davon.
Dekonstruktion und philosophische Postmoderne sind keine gute Basis für konstruktive Kritik, sondern eben das Ende eine an sich nicht besonders konstruktiven Diskussion. Das macht Dekonstruktion als Methode nicht falsch, aber auch nicht unbedingt nützlich. Dekonstruktion kehrt Grundlagen und Funktionsweisen, die gern übergangen werden, nach außen, zerlegt sie, nimmt Begriffe und Ideologien auseinander. Dabei geht Dekonstruktion nicht vor wie jemand, der das alte Radio noch mal zusammenbauen möchte, auch wenn er es nicht reparieren kann, sondern eher wie jemand, der sich von dem Gerät schon verabschiedet hat, aber dennoch wissen möchte, wie es innen aussieht, bevor es auf dem Recyclinghof landet.
Dekonstruktion liefert keine Handlungsanleitungen. Aber Dekonstruktion vermittelt Wissen und schafft die Grundlage, sich frei für andere Wege zu entscheiden. Dekonstruktion schafft die Freiheit, alle möglichen Entscheidungen zu treffen. Aber sie liefert keine Mittel und Argumente, eine Entscheidung zu rechtfertigen oder über andere zu stellen. Das ist eines der großen Missverständnisse, wenn frühe Postmoderne herangezogen wird, um aktuelle Essenzialismus- und Absolutismus-Auswüchse zu kritisieren.
Ähnlich verhält es sich mit Standpunkttheorie und anderen um Differenzierung bemühten Methoden. Man sieht die Welt anders, wenn man sie von einem anderen Standpunkt aus betrachtet. Dass man Menschen nicht verstehen kann, die mit einem anderen Standpunkt aufgewachsen sind, ist Unsinn – wozu auch sollte man ihnen denn dann zuhören? Eine solche Interpretation der Standpunkttheorie ist absurd.
Beide, Standpunkttheorie und Dekonstruktion und viele andere kritisierte Theorien sind Diagnosewerkzeuge, keine Handlungsanleitungen, keine moralischen Prinzipien und politischen Paradigmen.
Mounk arbeitet sich trotzdem daran ab. Das ist die Schwäche dieses Buchs.
Die Stärke ist der Schnelldurchlauf durch allerhand zeitgenössische Rasse-, Klasse-, Gender- und Kolonialismuskonzepte, die allesamt ähnliche Karrieren von guten Diagnosen zu schlechten Handlungsanleitungen durchlaufen haben.
Tragisch ist vor allem die Karriere des Free Speech-Begriffs. Rede- und Meinungsfreiheit, eines der zentralen Anliegen frühbürgerlicher Revolutionen, dann Prunkstück jeder Demokratie, später Toleranzgrenzen herausforderndes Sorgenkind und von Rechten missbrauchte Tarnung für verlogene Ideologiepropaganda, ist heute ein Feindbild, dem unterstellt wird, in Diensten Konservativer zu stehen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn man sich vor Augen hält, wer am lautesten „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ ruft. Dennoch ist es eine der erschreckendsten Entwicklungen unserer Zeit, wie schnell sich jüngere Menschen mit Kontrolle, Überwachung und Verboten (für andere) anfreunden.
Progressiver Separationismus als als Förderung verstandene neue Rassentrennung, Trans vs. Feminismus-Kämpfe und neuer Klassenkampf sind weitere Beispiele dafür, wie aus guten Diagnosen schlechte Handlungsempfehlungen wurden. Allesamt können sie sich auf ein neues Feindbild einigen: Feind der neuen Rasse-, Klasse- und Gender-Essenzialisten ist der Liberalismus.
Liberalismus, der eigentlich nur alle sein lassen wollte, wie sie sind, ist zu wenig supportive. Liberalismus kritisiert die Vorstellung, dass etwas so sein sollte und nicht anders sein darf. Das verträgt sich schlecht mit der Idee, dass Identitäten sich zwar aus verschiedensten Elementen zusammensetzen, aber dennoch unhintergehbar prägende Merkmale unserer Menschlichkeit sind, denen wir ausgeliefert sind. Man müsse Identität an erste Stelle stellen, um gute Entscheidungen treffen zu können, und die Betonung bislang unterdrückter Identitäten aus Kosten der ehemaligen Unterdrücker sei wichtiger als altmodische Unterstellungen von Freiheit.
Mounk setzt nach seiner Ausarbeitung dieser Auswüchse zu einem Plädoyer für den Liberalismus an – aber er bringt nur schwache Argumente, die Wasser auf die Mühlen linksidentitärer Essenzialisten sind. Es ist ja eben die Tragik des Liberalismus, dass Argumente, die sich an jene richten sollten, die Liberalismus ablehnen, genau diese überhaupt nicht interessieren – oder eben ihre härtesten Kritikpunkte sind.
Liebralismus ist aus Prinzip ein schwaches Argument.
Was sich gegenüber grassierendem Identitätsessenzialismus durchsetzen müsste, ist die Einsicht, dass ähnlich wie im Fall von Dekonstruktion und Postmoderne, die Diagnose vielleicht stimmt. Aber die Werkzeuge, die zur Diagnose geführt haben, liefern denkbar schlechte Handlungsanleitungen.