Die Krise des Erklärens

In der Halbleiterproduktion werden Kristallstrukturen mit Bor-, Phosphor- oder Antimon-Atomen angereichert, um die Zahl der beweglicheren Valenzelektronen und damit die Leitfähigkeit beeinflussen. Dieser Vorgang wird als Dotieren bezeichnet. 

Neurale Netze sind Algorithmen und Datenstrukturen im Machine Learning, in denen Ergebnisse aus späteren Schritten in frühere Schritte zurückgespielt werden, um so Lernen und Entwicklung zu ermöglichen. Dieser Vorgang heißt Backpropagation.

Und, wissen Sie jetzt mehr als vorher?

Eine Antwort auf diese Frage hängt vor allem davon ab, was wir unter Erklären verstehen.

Wer Wert darauf legt, die Bedeutung von Begriffen zu verstehen, der weiß jetzt mehr. Aber wie kommen Atome wirklich in fremde Kristalle? Braucht es dazu Bohrlöcher? Funktioniert es wie Butterbrotschmieren? Warum bleiben Atome in fremden Elementen? Und was braucht man, um so einen Vorgang in Gang zu setzen?

Das sind andere Erwartungen, die an auf den ersten Blick eindeutige Begriffe gestellt werden können. 

Erklärungen sind etwas anderes als Definitionen, Demonstrationen, oder, in Geisteswissenschaften besonders beliebt, der Verweis auf bekannte Zitate. Auch Beispiele, Analogien und Modelle haben oft nur bedingten Erklärwert. Sie vereinfachen die Darstellung komplizierter Prozesse, aber wissen wir nach der Beschäftigung mit einem Modell oder einer Analogie nachher mehr als vorher? 

Sinnvolle Modelle erfüllen diesen Zweck. 

Erklärungen ermöglichen es, Prognosen abzugehen, Abläufe zu reproduzieren und Argumente und Gründe zu liefern. Erklärungen ermöglichen Entscheidungen und Handlungen. Sie gehen über das Lernen neuer Bezeichnungen hinaus. Erklärungen gestalten und schaffen Potenzial. Wer etwas erklärt bekommen hat, kann nachher mehr als vorher. 

Das ist nicht bei allem, das Erklären genannt wird, der Fall. 

Viele Erklärungen sind Machtansprüche. „Ich erklär dir was“ bedeutet in erster Linie, dass der Erklärende eine Position über seinem Gegenüber beansprucht. Er weiß oder kann mehr als der andere und wird diesen anleiten und kontrollieren. Umgekehrt funktioniert das im übrigen auch: „Erklär mir das“ kann ein passiv-aggressives Zur-Verantwortung-Rufen sein.

Erklärungen bedeuten Macht und Verantwortung. Das zeigt sich auch darin, dass das Fehlen von Erklärungen Trost bedeuten kann. Wer erklären kann, trägt die volle Verantwortung, wer sich etwas nicht erklären kann, will meist dafür auch nicht verantwortlich sein. Das kann tröstlich sein. 

Erklärungen funktionieren manchmal auch auf sehr persönliche Art und Weise: Sie können – wie Eselsbrücken – Beziehungen herstellen, Handlungen in Verbindung mit Konsequenzen bringen und damit im kleinen Kreis Transparenz und Kontrollierbarkeit schaffen. Diese Art von Erklärungen schafft Ordnung. 

All diesen Arten von Erklärungen ist gemein: Sie haben recht wenig Beziehung zu Ideen, die man als Wahrheit begreifen könnte. Es stellt sich gar nicht die Frage, ob sie wahr sind oder nicht, sie erfüllen bestimmte Funktionen. Oft reicht auch die Betonung des Worts „erklären“. Wenn etwas erklärt wurde, ist die Sache geregelt. Wer noch immer nicht verstanden hat, hat ein Problem. Das lässt außer Acht, ob die Erklärung auch als solche akzeptiert wurde. Erklären ist hier wieder eine Machtfrage.

Königsdisziplin dieser Spielart von Erklärungen sind performative Erklärungen. Den Sieger eines Boxkampfs gibt es erst dann, wenn der Ringrichter dessen Hand hochhebt und ihn damit zum Sieger erklärt. Kriegserklärungen sind performative Akte, Regierungserklärungen sind performative Akte, die an Traditionen und Rituale appellieren. In diesen Fällen sind Macht oder Amt des Erklärenden die wesentlichen Entscheidungsfaktoren. 

Wer weder über Macht noch Amt verfügt, ist darauf angewiesen, wie seine Erklärungen ankommen. Erklärungen müssen überzeugen und werden damit zu Bekehrungen. 

Sind Erklärungen Glaubenssache? 

Natürlich kennen wir das Ideal der rationalen, zwingenden und eindeutigen Erklärung, die keine Alternativen lässt, als sie zu akzeptieren. Aber welche und wie viele solcher Erklärungen kennen Sie? Welche Arten von Erklärungen verpacken alle relevanten Grundlagen und Argumente und sind nicht auf andere Grundlagen, auf die Akzeptanz anderer Erklärungen angewiesen? Welche Erklärungen kommen ohne Werte aus? Welche ohne Zielsetzungen, die anzustreben man voraussetzt?

Erklärungen ermöglichen Handlungen oder Prognosen, darauf haben wir uns eingangs geeinigt. Damit sind sie nützlich, sie erfüllen einen Zweck. Und diese Annahme ermöglicht es, über den Umweg des Funktionierens über richtig und falsch zu entscheiden. Richtig ist, was nützlich ist und funktioniert. Anderes ist falsch. 

Aber ist das schon alles, was wir über die Merkmale gelingender Erklärungen feststellen können? 

Es ist jedenfalls nicht wenig. 

Wittgensteinianer fangen in diesen Momenten an, von Angeln zu reden. Angeln sind die Grundlagen, Zielsetzungen oder vorweggenommenen Argumente, die Erklärungen möglich machen. Angeln können nicht weiter infrage gestellt werden, wenn das auf ihnen Aufbauende funktionieren soll. Aber sie können ausgetauscht werden.

Rationale Skeptiker können gut damit leben, dass es für die relevantesten Grundlagen keine zufriedenstellende letztgültige Erklärung gibt. Denn würde man diese suchen – man müsste die Tür zur Rumpelkammer öffnen. Und auch dort würde man nicht fündig werden. 

Das ist nicht die Krise des Erklärens. Der Begriff des Erklärens ist heute oft überstrapaziert. Viele Erklärungen sind bloß Performances, die nichts anderes vermitteln, als dass der Erklärende die Position des Wissenden beansprucht. Die eigentliche und kritische Krise des Erklärens herrscht dort, wo Überzeugen, Verordnen oder Performen mit rationalem Begründen verwechselt werden. Damit können rationale Skeptiker nicht gut umgehen. Und das sollten sie sich beibehalten.

Hans Küng: Der Islam

Es ist befremdlich, das Buch eines Theologen zu lesen. Ich denke, ich habe das tatsächlich noch nie gemacht. Ich hatte eine Kinderbibel, das war eines meiner liebsten Horrorstorys-Bücher im Volkschulalter, aber abgesehen von ein wenig Buddhismus- und Atheismus-Lektüre habe ich mich noch nie mit Theologischem beschäftigt. 

Nächsten Monat bin ich in Saudi-Arabien und wollte Küngs Islam-Buch eigentlich dort lesen. Weil man aber mit dem Visaantrag eine Preisliste verbotener Aktivitäten ausgehändigt bekommt, zur Kenntnis nimmt, dass hier die Todesstrafe angewendet wird und darauf aufmerksam gemacht wird, dass man weder Drogen noch Pornografie noch Schriften, die zur Kritik am Islam anregen könnten, einführen möge, habe ich das Buch lieber vorher gelesen. 

Küng betrachtet den Islam als Hoffnungsträger, als eine Religion, die sich gegen den konfrontativen Kurs der USA stellen könnte. Das Buch ist knapp 20 Jahre alt, der zweite Irak-Krieg war damals noch frisch und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ war noch keine zehn Jahre alt. 

Das ist eine historische Fehleinschätzung, die fünf Jahre nach 9/11 vermutlich nicht mehr von allen geteilt wurde, aber verständlich sein mag. 

Küng stellt die Geschichte des Islam dar, erklärt die Entwicklung unterschiedlicher Paradigmen im Lauf der Jahrhunderte, erklärt verschiedene Kalifen-Dynastien und bemerkt durchaus, dass islamische Lehren arabische Philosophie im Keim erstickten. Im Hochmittelalter war arabische Philosophie der europäischen meilenweit voraus; griechische Philosophie wurde zwischen 10. und 12. Jahrhundert auf dem Umweg über Arabien zurückimportiert. In einer kurzen Phase von Debatten zwischen Philosophen und Theologen siegten allerdings Theologen – die auf der Seite der Macht standen. 

Küng schreibt gegen die Vorstellung des Islam als Bedrohung, räumt aber zugleich ein, dass sich Islam und Säkularismus deutlich weniger gut vertragen als Demokratie und andere Religionen. 

Auch das kann eine Meinung sein. Gipfel des Ungewohnten für kritisch lesende Philosophen oder Historiker ist aber die Idee, tatsächlich am Text zu kleben. Nicht nur das, sondern auch die Idee, die jahrhundertealte Vorschrift, am Text kleben zu müssen, beim Wort zu nehmen. Es zähle nur der Koran – keine Interpretation, keine Modernisierung, keine entwickelte Exegese. Und das bei einem Text, der in allen Übersetzungen in nahezu jeder Zeile ergänzender Haupt- oder Zeitwörter bedarf, um überhaupt etwas auszusagen. Aus der Idee, es gebe nur einen Gott, einen Propheten und ein Buch Gottes leitet sich der scharfe Gegensatz zum Christentum ab, das zwar den gleichen Gott kennt, aber möglicherweise zwei weitere, die aber vielleicht auch nur einer sind. Die christliche Verrenkung der monotheistischen Dreifaltigkeit ist eine der schwächsten erzählerischen Leistungen unserer Kultur: Wenn der Allmächtige allmächtig ist, dann kann er mit in Menschen, Tauben, Gießkannen und anderen Vögeln begegnen. Auf dem Unterschied zwischen einem, dreien, drei in einem oder einem Mehrgestaltigen bauen Jahrhunderte an Kreuzzügen und anderen heiligen Kriegen. 

Jeder in Fragmenten erhaltene Philosoph wird heute im Sinne der wohlwollenden Interpretation wie ein vernünftiger Mensch gelesen, der nicht klüger aber auch nicht dümmer war, als ein Mensch unserer Zeit. Religion und Theologie dagegen hoffen auf eine Magie der Schrift, die auch die absurdesten Storys in Logik verwandeln soll.

Religionen sind eine tolle Kulturleistung. Aber Religion und Theologie sollten nicht mehr Einfluss auf unser Leben haben als Felsmalerei und vorsokratische Philosophie. 

Ein Gipfel verqueren theologischen Denkens sind Küngs Überlegungen zur Kopftuchdebatte. Die Perspektive der Unterdrückung der Frau kennt Küng als Theologe nicht, für ihn sind Vorbehalte gegenüber dem Hijab Ressentiments gegenüber dem Fremden und Angst vor Überfremdung und Zurückdrängung christlicher Kultur durch islamischen Einfluss. Aber wer, fragt Küng, könne sich denn ernsthaft durch Kopftuch tragende Volksschulmädchen bedroht fühlen? … 

Serhij Zhadan: Keiner wird um etwas bitten

Zhadans neue Miniaturen aus dem kriegsgeplagten Alltag der Ukraine sind Witz, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Gelassenheit in einem. Seine Sprache ist eine exakt dosierte Mischung aus schnörkelloser Nüchternheit und immer neu überraschender blumiger Metaphorik. Es ist zeitgemäße Kriegsliteratur.

Evgeny Morozov: The Net Illusion

Schon zu Beginn der 10er Jahre dieses Jahrtausends, als das Internet durchaus noch eine Verheißung war und Demokratisierung, Bildung, Verständigung und Toleranz logische Folgen konsequenter Vernetzung schienen, war Morozov skeptisch. Das Internet, diagnostizierte er, werde sich als viel nützlicher für Diktaturen als für Demokratien erweisen. Heute, knapp 15 Jahre später, sind manche seiner Thesen in die Jahre gekommen, einige aber umso treffender. 

In den letzten Tagen sind wieder Menschen protestierend durch die Straßen des Iran gezogen, harte Gegenmaßnahmen des Regimes kosteten mehr als 10.000 Todesopfer. 2010 war gerade die letzte iranische Protestbewegung zum Erliegen gekommen. Westliche Regierungen und Digitalenthusiasten hatten die Grüne Revolution als Twitter-Revolution gefeiert. Digitale Netzwerke und Informationsfreiheit würden Regimes stürzen, Menschen mobilisieren und der Freiheit zum Durchbruch verhelfen. Proteste in arabischen Ländern stützten diese These. Morozov dagegen hinterfragt, ob es im Iran des Jahres 2010 überhaupt eine ausreichende Menge an Twitterusern gegeben habe, um Twitter Mobilisierungskraft beizumessen, oder ob die vermeintliche Revolutionsdynamik vor allem das westliche Publikum ergriffen habe. Die Zahlen sprechen eher für letzteres. Und der westliche Digitalenthusiasmus habe letztlich eher bewirkt, das autoritäre Regime sich einerseits vermehrt mit Internetkontrolle, andererseits mit dem Aufbau eigener Manipulationsinfrastrukturen beschäftigt haben. 

Während Informationskontrolle lückenhaft sein kann, sind Unterhaltungsmedien als „Opium für die Massen“ überaus effizient. Morozov zitiert Studien aus DDR-Zeiten, die postulieren, dass DDR-Bürger, die westdeutsches Fernsehen empfangen konnten, weit weniger politisiert waren als andere oder als Bürger nicht deutschsprachiger kommunistischer Länder. 

Demokratisierungs- und andere Heilserwartungen an das Internet mussten allerdings auch schon 2010 einen spektakulären Spagat vollbringen. Denn auch Internetenthusiasten wie Hillary Clinton oder Barack Obama warnten vor Verdummungs- und Manipulationspotenzialen digitaler Kommunikation. Dabei hatten sie in erster Linie amerikanische SchülerInnen im Blick. BürgerInnen von Dikaturen dagegen sollte ebendiese Kommunikation zu Freiheit und Demokratie verhelfen. Morozov bezeichnet das in Anlehnung an Edward Said als digitalen Orientalismus: Im Westen macht das Internet dumm, im Osten klärt es auf. 

Morozovs zwei wesentliche Diagnosen sind Cyper-Utopismus und Internet-Zentrismus. Cyber-Utopismus überlädt die digitale Welt mit Erwartungen, alles wird besser, freier, reicher, wissender, wertschätzender. Wichtig ist für Cyber-Utopisten Freiheit, allerdings ein eingeschränkter und subjektiver Begriff von Freiheit: Es ist ihre Freiheit, die Freiheit der Handelnden, die nicht eingeschränkt werden soll. Die Freiheit der anderen kommt nur als Nebeneffekt vor, als Konsequenz der Freiheit der digitalen Utopisten. Dieses Argument sehen wir heute noch in Diskussionen um Regeln und Regulierungen für große Digitalplattformen.

Internet-Zentrismus bezeichnet die Idee, das Internet (oder digitale Kommunikation oder Vernetzung) werde Lösungen für alles bringen. Utopien werden Realität, wenn sich das Internet frei entfalten kann. Mit dieser Freiheit werden sich Wahrheit und Vernunft durchsetzen, Lüge, Manipulation und Unterdrückung werden entlarvt und beseitigt werden. Morozov war vor 15 Jahren kritisch, heute wissen wir ein Stück mehr, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat. Digitale Kommunikation ist ein großes Manipulationsinstrument, mit dem sich Parallelwelten aufbauen lassen, die vielen Menschen viel besser gefallen als die Nüchternheit und Ambivalenz von Fakten. Digitale Lösungen sind oft Lösungen für Probleme, die es ohne digitale Umwelten nicht gäbe; nützliche digitale Lösungen sind oft eher schlicht Konsequenz von Professionalisierung als von Digitalisierung. 

Dennoch sind weder digitale Kommunikation noch Webtechnologien verzichtbar. Heute, 15 Jahre nach dem Green Movement, setzt niemand mehr auf mobilisierende Kräfte von Social Networks. Aber die Abschaltung des Internet ist im Iran und wenige Wochen zuvor in Tansania eines der effizientesten Mittel, die Organisation von Protesten und ihre Kommunikation in die Welt zu unterbinden. Alexej Navalny kommunizierte digital auf Youtube, schuf eine eigene Medienwelt und verhalf relevanter Information ans Tageslicht. Das russische Regime ist stabil.

Morozov betrachtet das Internet als eine weitere Enttäuschung einer Reihe enttäuschender Globalisierungstechnologien vom Telegraf über das Flugzeug oder Radio und Fernsehen. Alle hätten Verständigung schaffen, Missverständnisse und Kriege ausrotten sollen, wäre es nach Utopisten gegangen. Alle wurden zu effizienten Kriegs-, Manipulations- und Dummheitsmaschinen; dabei gab es die heute häufig plakativ erzählten Fälle von auf Social Media Desinformation zurückzuführenden politischen Morden in Kenya und Äthiopien, von Gewalt gegen Rohingya und Uighuren oder von russischer Unterwanderung zentralafrikanischer Medien noch gar nicht. 

Gegen Utopismus und Internet-Zentrismus setzt Morozov auf Cyber-Realismus: Technologie ist nie neutral (was auch bei Oppenheimer, Heisenberg, Schrödinger, Bohr, Ihde, Dewey und vielen anderen nachzulesen ist), Technologie und Digitalisierung sind auch nicht per se positiv. Es sind grundsätzlich gar keine Werte. Technische Lösungen, die oft als vernünftig verkauft werden, sind oft gar keine Lösungen, weil sie die ethische oder soziale Dimension eines Problems nicht kennen und nicht berücksichtigen können. Die ultimative technokratische Lösung aller Probleme (Morozov zitiert den Nuklearphysiker Alvin Weinberg) wäre schließlich die Wasserstoffbombe: Das Problem gibt es nachher nicht mehr. Allerdings auch sonst nichts. 

Vielleicht gelten im Cyberspace die Gesetze der Schwerkraft nicht, meint Morozov. Aber die Gesetze der Vernunft sollten gelten, wenn das Internet in irgendeiner Form für Menschen nützlich sein soll. 

Valentin Mudimbe: The Invention of Africa

Afrika wurde auf viele Arten konstruiert: politisch an den Verhandlungstischen der Kolonialmächte, historisch in den Erzählungen der europäischen Expeditionsleiter, kulturell zwischen Raubkunst und Trommelworkshops. Afrikanische Geistesgeschichte ist noch immer eher eine Leerstelle. Valentin Mudimbe, vor einigen Monaten verstorben, hat in den 80er Jahren verschiedene Ansätze entwickelt, Philosophie, Logik und Theorie aus der Geschichte des afrikanischen Kontinents zu erfassen. 

Wer sich mit europäischen oder nordamerikanischen Geisteswerkzeugen mit afrikanischer Philosophie beschäftigt, hat einige Fragen zu klären: Legt die europäische Perspektive bereits unangemessene Maßstäbe an und zwingt sie den Gegenstand der Beobachtung dadurch in fremde Kategorien? Lassen sich andere Zugänge mit westlicher Logik und Tradition verstehen? Und was ist das Merkmal Afrika? Ist es geographische Zugehörigkeit und ist damit auch Augustinus afrikanischer Philosoph? Sind es Denktraditionen, so wie Europa mit der Aufklärung Vernunft und Logik für sich reklamiert? Sind es Wurzeln, die auch einen, Afrikaner, der europäische Philosophie studiert, zum afrikanischen Philosophen machen? Und zählt jede abstrakte, womöglich auch spirituelle geistige Beschäftigung als Philosophie? Wo verläuft, gerade bei der Suche nach frühen afrikanischen Texten und Überlieferungen, die Grenze zwischen Philosophie, Mythos und Religion? Mit solchen Fragen verbringt Anke Graneß in ihrer afrikanischen Philosophiegeschichte viel Zeit, auch Valentin Mudimbe kommt daran nicht vorbei. 

Mudimbe findet allerdings eine sehr pragmatische Position: Natürlich kennt auch das sogenannte Wilde Denken Systematik und Logik. Jede einfache Hüttenkonstruktion braucht einen technisch-wissenschaftlichen Zugang zur Welt und vollzieht sich nicht mit Magie.

Debatten über die Kompatibilität verschiedener Denkstrukturen haben die europäische Philosophie von Wittgenstein bis Levi Strauss und darüber hinaus intensiv beschäftigt. Gegenstand war dabei allerdings weniger die Rationalität „der Wilden“, sondern das Konzept des Relativismus: Gibt es tatsächlich andere Wege der Welterfassung? Und wenn ja, lassen sie sich zueinander in Beziehung setzen? Wenn nein, wie erkennen wir sie? Wenn ja, sind sie dann tatsächlich anders? Den Themenkomplex können wir unter anderem in Philosophie, Anthropologie, Geschichte, Soziologie, Informationstheorie oder Informatik diskutieren und die Diskussion hat immer den Charakter eines Zerrspiegels, in dem alle Argumente und ihre Bedeutung sehr schnell die Richtung wechseln können. 

Das stellt auch Mudimbe fest. Sein nicht leicht zu lesendes Buch ist eine solide Ansammlung historischer spiritueller und politischer Literatur. Die systematischsten Darstellungen afrikanischer Geisteswelten finden sich in den Schriften christlicher Missionare. Dort beschrieben Missionare ihr Objekt aber ganz klar aus ihrer Zielperspektive: als etwas zu reparierendes, heilendes, zu bekehrendes, also als eine vorrangig defizitäre Welt. (Den Drang zur Bekehrung diagnostizieren im übrigen auch viele wissenschaftstheoretische Relativismus-Debatten: Wo fundamentale Grundsätze unterschiedlich sind, sind Verständigung und Überzeugung schwierig – eigentlich funktionieren sie nur als Bekehrung.) 

Umgekehrt kämpfen auch Ansätze afrikanischer Selbstdefinition mit dem Problem, aus Rücksicht auf das Publikum der Erklärung den erklärten Gegenstand zu verfälschen. Leopold Sedar Senghor, Politiker, Dichter, Architekt und Präsident des Senegal, beharrte auf der Ebenbürtigkeit afrikanischer Fähigkeiten und entwickelte mit dem Konzept der Negritude einen eigenen Begriff dafür. Kritiker werfen ihm vor, damit afrikanische Kultur und Geisteswelt in europäische Schemen zu pressen und ihnen unterzuordnen. Gedankliche Vorläufer Senghors wie Edward Blyden beharrten darauf, dass Afrika von Zivilisierten kolonisiert werden müsste – allerdings nicht von Weißen, sondern bevorzugt von ehemaligen Sklaven, die mehr von der Welt gesehen haben. Einige Jahrzehnte später bei Frantz Fanon wird aus diesem Gedanken schwarzer Nationalismus, der Orientierung an europäischen Vorgaben ebenso ablehnt wie europäische Einmischung. 

Die schriftliche Dokumentation politischer und spiritueller Grundsätze auf dem afrikanischen Kontinent reicht nicht weit zurück. Die zahlreichen Manifeste der 50er und 60er Jahre beriefen sich auf unterschiedliche Traditionen und verknüpften sie mit aktueller Politik. Ihre Beziehung zu Denktraditionen bleib schwer einzuschätzen. Kwame Nkrumah, erster Präsident Ghanas, war einige Jahre weit über Westafrika hinaus populärer Denker mit sozialistischen Tendenzen. Heute sind seine Schriften kaum noch zu bekommen. 

Mangelnde Dokumentation, politisch verbrämte Überlieferungen – angesichts dieser Schwierigkeiten, Grundzüge afrikanischer Philosophie freizulegen, wendet sich Mudimbe linguistischen Ansätzen zu, die aus Erzählungen und Mythologien Prinzipien afrikanischen Denkens zu destillieren versuchen. Geschichten und Argumente legen Kosomogonien und Ontologien frei. Es werden Kategorien in Bantu-Erzählungen sichtbar: die Essenz für das Lebendige, Handelnde, Dinge als davon abgegrenzt, Raum und Zeit als Container der Ereignisse, Modalitäten als Eigenschaften der Dinge und Essenzen. Auch diese Kategorien haben früher bereits Missionare aufgegriffen und europäisiert; die Interpretation der Essenz als Kraft könnte auch als frühe Vorwegnahme von Heideggers Seiendem gelesen werden (das bringt das Sein zum Sein?). Die inhaltliche Ausprägung der Kategorien und die darauf beruhende Rekonstruktion philosophischer Systeme ist spekulativ. Aber die Möglichkeit zeigt, dass Erzählungen und Diskurse zwischen Abstraktem und Konkretem unterscheiden, Kausalität und Täuschung abbilden und Logik und Ethik ausprägen können. – Wobei die Frage offen bleibt: Sind das Beschreibungen afrikanischer Philosophie? Oder Ergebnisse europäischer Maßstäbe? 

Gerade Empathie und Einfühlung, schreibt Mudimbe, sind in erster Linie Methoden der Selbstbeobachtung. Beobachter lernen dabei weniger über den vermeintlich beobachteten Gegenstand als über sich selbst. Und es bleibe wenig anderes übrig, als das Unbekannte in Metaphern zu packen und es so in den Bereich des Verständlichen zu übersiedeln. Auch das ist im Übrigen eine Technik, die wir in Informatik und Informationstheorie oft anwenden.

David Marx: Blank Space

Als selbstkritischer Kulturkonsument empfindet man es mitunter als persönliche Alterserscheinung, wenn zeitgenössische Kunst und Kultur, vor allem Populärkultur, hartnäckig nichtssagend erscheinen. David Marx, deutlich jüngerer Kulturkritiker, möchte herausarbeiten, dass diese Leere in Populärkultur und Avantgarde des 21 Jahrhunderts durchaus System hat. Kultur ist heute für ihn eine Leerstelle, die nicht mehr wegweisend ist, sondern sich eher an der Vergangenheit orientiert und in Revivals, Zitaten und sicheren Fahrbahnen bleibt. Wirtschaft und Technik stellen aktuellere Fragen, Kultur hinkt hinten nach und stellt auch gar keinen Anspruch mehr, in irgendeiner Form avantgardistisch zu sein. Erfolg ist relevanter als Originalität, Experimente sind etwas für Nerds und Loser. Popularität ist eine Geschäftsgrundlage zur Vermarktung von Mode- und Accessoire-Linien, nicht der Beginn neuer kultureller Strömungen. 

Die Popkultur des 20. Jahrhunderts habe sich gelegentlich noch gegen Ausverkauf und überbordende Kommerzialisierung gewehrt. In der Frühphase des Internet versprach die Idee des Long Tail noch kleine Stücke am Erfolgskuchen für alle, das verhieß Diversität und neue Chancen. Allerdings ist dieser Long Tail-Effekt nicht eingetreten; Marx bezeichnet die Idee als cyberlibertäres Versprechen.

Aus amerikanisches Perspektive ist 9/11 ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zum neuen Kulturverständnis. Für Marx geht mit den Anschlägen der Tod der Ironie einher, seither könne man sich nicht mehr über Patriotismus, Ölbarone und andere Elemente des amerikanischen Establishment lustig machen. Gegen die Betroffenheit und kulturelle Ratlosigkeit have sich edgy Konservatismus als neue Position entwickelt. Dabei war der Übergang fließend von white male hedonism (harmlos Bier trinken, feiern und Unsinn reden) konservativer (weißer und männlicher) Hegemonie. Posterboy dieser Entwicklung ist Gavin McInnes, den sein Weg vom punkigen Undergroundmagazin Vice zur Neonazi-Organisation Proud Boys führte (die maßgeblich am Sturm auf das Kapitol beteiligt waren; McInnes war damals kein Proud Boy mehr). Konservative Haltungen konnten provozieren und erzeugten gleichzeitig ein gemütliches Kokon der Rechthaberei. 

Das popkulturelle Pendant zu konservativem Hedonismus ist Poptimismus: Hier gilt kommerzieller Erfolg als Qualitätkennzeichen, Experiment und Innovation sind demgegenüber bedeutungslos. Ikonen des Poptimismus sind Taylor Swift (die eher in wirtschaftlichen und politischen als in künstlerischen Dimensionen gemessen wird), Jay-Z (der erklärterweise Milliardär werden wollte) oder Kanye West (der seinen Kampf um kulturelle Anerkennung mit Erfolg in der milliardenschweren Modeindustrie kombiniert). 

Was nicht kommerziell erfolgreich ist, ist irrelevant, brotloses Forschen und Experimentieren sind bemitleidenswert. Grundsätzlich kritische Beobachter ziehen sich häufig auf den Standpunkt des zuvorkommenden Wohlwollens zurück: Ich finde es nicht gut, aber wenn es Erfolg hat, wenn es das Gefühl der Zeit trifft, wird es richtig sein. Das ist ein Spagat zwischen Selbstaufgabe und Paternalismus, aus dem sich keine sinnvolle Kritik formulieren lässt. 

2014 war es wohl noch ein kleiner Skandal, als Kanye West und Kim Kardashian das Cover der amerikanischen Vogue zierten: Der kommerzielle Pöbel drängte in die Welt von Mode und Kunst. Wenig später war Kanye Wests Styleberater Virgl Abloh Kreativchef von Louis Vuitton. Und heute müssen auch kommerziell erfolgreiche Popikonen die Konkurrenz von Influencern zur Kenntnis nehmen, der wesentliche Qualifikation es ist, stets und überall präsent zu sein. 

Auch das ist eine bemerkenswerte Transformation des 21. Jahrhunderts bisher: Der archetypische Internetuser hat sich vom anonymen an Detailwissen orientierten und interessierten Foren-Lurker zum dauerpräsenten Creator verwandelt, der sein Gesicht und seine Persönlichkeit bei jeder Gelegenheit hervorkehrt. Mit welchem Ziel? Geschäfte machen zu können. Königsklasse des Influencer-Erfolgs sind eigene Brands. 

Parallel dazu hat sich die digitale Welt von einem optimistischen Ökosystem (Kreativität, Vernetzung, Demokratisierung) zu einer pessimistischen Grundhaltung (Überwachung, kritische Geschäftsmodelle des Plattformkapitalismus) hin zu einer nihilistischen Grundhaltung entwickelt (der Kernwert ist kommerzialisierbare Reichweite). Den damit einhergehenden Flirt mit libertären und zum Teil faschistischen Tendenzen hat David Golumbia näher beschrieben. 

Kultur ist also langweilig, kann konservativer und reaktionärer Politik nichts entgegensetzen (sie allenfalls befeuern). Wie kommen wir hier raus? 

Marx beendet sein Buch mit fünf Grundsätzen: 

  • Kulturschaffende mögen soziale Normen neu definieren und durchsetzen. Das erfordert Ausdauer und verträgt sich nicht mit der Idee des schnellen und exponentiellen Erfolgs. 
  • Kultur solle als Ökosystem betrachtet werden, in dem Positionen miteinander interagieren, in dem sich Entwicklungen langsam vollziehen – und in dem der milliardenschwere Superstar nicht die Regel ist. 
  • Kulturschaffende sollen in kleineren Communities agieren, in denen Ideen und Positionen geschärft, ausformuliert, weiterentwickelt werden können, anstatt sie sofort auf möglichst universellen Erfolg zu bürsten. 
  • Kulturschaffende sollten den Kanon ihrer Branche wieder lernen, um zu verstehen, warum sie was ablehnen und anders machen. Die Naivität historisch unbeleckter Originalität ist bedauernswert und beleidigend für den Konsumenten (nur wissen das viele von diesen nicht). 
  • Und schließlich möge man sich nicht nach dem Publikum oder dessen Nutzungsdaten richten; das Publikum weiß noch nicht, was es will – einer der Leitsätze von Steve Jobs; hier trifft sich Kultur wieder mit Technologie und Wirtschaft. 

Lustigerweise ist das ziemlich genau das Gegenteil des Programms, das Bret Easton Ellis vor einigen Jahren formuliert hat: Wozu Bücher schreiben, wenn man mit ein paar Instagram-Posts quasi den gleichen Effekt erzielen kann? Ellis hat glücklicherweise später dann doch wieder Bücher geschrieben. 

Ich kann bei allen von Marx Grundsätzen mit, ich teile auch seine Diagnose und großteils deren Bewertung. Dennoch habe ich eine grundlegende Skepis gegenüber jeder Lösung, die letztlich besagt: Machen wir es doch wieder wie früher. Das kann ein Teil der Lösung sein. Aber es fehlt noch der Sicherheitsgurt, der die nächsten 25 Jahre des Jahrhunderts davor bewahrt, wieder nur nackte Leerstellen zu schaffen. 

Maria Aljochina: Political Girl

Man kann in Moskau wohl in Cafés sitzen, tolle Ausstellungen besuchen und sich über niedrige Energiekosten freuen – oder man kann zwischen Demos, Arresttagen und Straflagern umherirren. Die Dosiertheit des Terrors ist der faszinierendste und erschreckendste Moment an den Aufzeichnungen von Pussy Riot-Aktivistin Maria Aljochina. 

Die tagebuchartigen Notizen beschreiben Aljochinas zehn Jahre nach der Entlassung aus dem Straflage bis zur Ausreise aus Russland. Aktionen, Demoteilnahmen und schlichte Schikanen von Polizei und Justiz ziehen Strafgelder, Arresttage und Hausarrest in einem endlosen Kreis nach sich. Aneinandergereihte kurze Haftstrafen von zwei oder drei Wochen können für geringfügig Anlässe verhängt werden, dahinter drohen Straflager und längere Haftstrafen. 

Nach Polizisten geworfene Plastikflaschen können den Anlass für Jahre im Straflager bilden. Polizisten sagen vor Gericht aus, dass das „bedrohliche Knistern“ der neben ihnen aufschlagenden Plastikflasche Angst und schwere psychische Belastungen ausgelöst hat. Nicht alle Polizisten: Einer kündigt den Dienst, um nicht aussagen zu müssen. 

Viele im Justiz- und Exekutivsystem glauben nicht mehr daran – aber sie vollziehen es aus Angst, Alternativlosigkeit und Phantasielosigkeit. Inspektoren, die den Hausarrest überwachen sollen, sind vom Arrest fast ebenso gestresst wie die Eingesperrten. Letztlich läuft vieles auf die Frage hinaus: Wozu? Warum nicht einfach aufgeben, das in den engen Grenzen mögliche Leben annehmen oder das Land verlassen? Denn das System Putin legt es gar nicht so sehr darauf an, einzelne AktivistInnen zu bestrafen – es will sie aus dem Weg haben, es will Störfaktoren beseitigen. 

Pausen zwischen Urteil und Haftantritt und das kaskadierend strenger werdende System scheinen sogar darauf angelegt zu sein, Menschen Anreiz und Gelegenheit zur Flucht zu geben: Sie wissen, dass sie Haft antreten müssen oder dass sie einer strengeren Verurteilung entgegensehen, während sie noch einige Tage in Freiheit verbringen. 

Aljochina trauert um jeden, der das Land verlässt, Alexej Nawalny ist zurückgekehrt, obwohl er in Sicherheit war und sehr wahrscheinlich war, dass er seine Rückkehr nicht lange überleben würde. 

In den ersten Jahren nach dem Straflager konnte Aljochina noch reisen. Sie berichtet von Putin-Verstehern unter Harvard-Studierenden, nach Moskau eingeladenen Künstlern und Influencern, die von der Offenheit und Energie Moskaus schwärmten. Woke EuropäerInnen sind neben vereinzelten Mitarbeitern in Polizei und Justiz und für einen Hungerlohn nach Moskau gelockten GastarbeiterInnen die einzigen, die Positives im System Putin sehen. Telegram-Gründer Pawel Durow wird kurz erwähnt, in Aljochinas knapper Darstellung ist er eher ein Dissident, der ebenfalls das Land verlassen hat (in Europa gilt er als fragwürdiger Libertärer, der auch die Zusammenarbeit mit demokratischen Regierungen verweigert und sein persönliches Samenspenden-Programm ins Leben gerufen hat). 

Links, rechts, queer, straight, progressiv, reaktionär, ausreisen, bleiben, Straflager, Flucht, in Aljochinas Erzählung verschwimmen viele Grenzen. Inklusive der Grenzen zwischen Diktatur und Demokratie, Regierung und Terror, Frieden und Krieg. Ist es denn so schlimm, auf Demonstrationen, Aktionen und regierungskritische Publikationen zu verzichten? Sind Drohnen und andere Luftraumverletzungen in Europa ein Problem? Wie kann man die Eskalation stoppen, gibt der Klügere nach? 

Nein. 

Bücher wie die Aufzeichnungen von Maria Aljochina sind wichtig, um die Grenzen zwischen Terror und Normalität, die fließenden Übergänge zwischen Regierung und Demokratie vor Augen zu behalten. Anders als Nawalnys Aufzeichnungen, die mit dessen Tod enden (für mich eines der packendsten Bücher der letzten Jahre), endet Aljochinas Buch mit ihrer Ausreise. Es braucht drei Versuche, Glück, in der Bürokratie verlorene Grenzpolizisten und plötzlich, wie ein Irrtum, ist der Weg frei.

David Golumbia: Cyberlibertarianism. The Rightwing Politics of Digital Technology

Die Verheißungen des Internet von Bildung, Demokratie, Transparenz und Freiheit bröckeln. Digitalisierung hat neue Oligarchen hervorgebracht, demokratisierendes Potential, auf das man noch im Iran während des arabischen Frühlings hoffte, hat sich in effiziente Überwachungs- und Kontrollinfrastrukturen verwandelt. Plattformen vergolden datenintensive Geschäftsmodelle, Regierungen setzen vermehrt auf Spionagesoftware, um im Wettlauf um möglichst interessante Daten nicht zurückzubleiben. Globale Vernetzung hat sich von einer freundlichen Zukunftsvision in ein Bedrohungsszenario entwickelt, dem Staaten mit Bemühungen um digitale Souveränität entgegenwirken müssen. 

Wie konnte das passieren? 

Für David Golumbia ist das keine Überraschung. In seinem letzten Buch erinnert er daran, das Webtechnologie aus militärischen Projekten entstand und wie sich vielleicht tatsächlich ursprünglich naive Freiheitsideen schnell in Geschäftsmodelle verwandelten. Auch digitale Bürgerrechtsinitiativen wie die Electronic Frontier Foundation EFF sind für Golumbia vorrangig von kommerziellen Interessen getrieben. 

Die Weichen für das freie Internet, dessen Freiheit nicht zuletzt kommerziell zu sehen ist, wurden in den USA früh gestellt. Die Section 230 aus der Frühzeit eines Internet aus nur punktuell miteinander verknüpften html-Seiten hält fest, das Internetprovider nicht für Inhalte verantwortlich gemacht werden können, die User auf ihrer Infrastruktur veröffentlichen. Was bezogen auf das Verhältnis von Webspace-Providern und Seitenerstellern Sinn machte, wurde bald auf Forenbetreiber und ihre User ausgedehnt. Heute berufen sich die größten Social Networks auf diese Regelung, um keine Verantwortung für Hasspostings oder politische Agitation übernehmen zu müssen. Urheberrechtsinitiativen, die sich gegen kommerzielle Onlinepiraterie stellten, wurden in den USA ebenfallds früh und erfolgreich zurückgedrängt – alles unter der Prämisse die Entwicklung des Internet nicht zu gefährden und Innovationen nicht im Wege zu stehen. 

Für Golumbia tragen diese Entwicklungen zur Entstehung des Cyberlibertarianism nach, dessen Entstehung, Grundzüge und Mythen er in diesem Buch nachzeichnet. Cyberlibertarianism ist eine politisch inspirierte Betrachtungsweise der digitalen Winner-Takes-it-All-Geschäftsmodelle, in denen das Recht des Stärkeren keinen Patz für Zweitplatzierte oder für alternative Modelle lässt. Cyberlibertarianism ist inhaltlich grundsätzlich eher rechts anzusiedeln, wobei sich traditionelle links/rechts-Grenzen sehr stark verwischen, ebenso wie möglicherweise gewohnte und liebgewonnene Grenzen von Gut und Böse. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder Free Software-Urvater Richard Stallman etwa gehören für Golumbia auch nicht uneingeschränkt zu den Lichtgestalten des Internet. Edward Snowden, Julian Assange und Glenn Greenwald, vermeintlich Aufdecker und Kritiker menschenfeindlicher Umstände in der Digitalbranche, zeichnen sich bei genauerer Betrachtung ebenfalls durch eher rechtslastige politische Ansichten aus. 

Golumbias Beschäftigung mit den Mythen des Cyberlibertarianism ist eine sehr detailliert aufbereitete Anleitung, den Innovationskult der vergangenen 25 Jahre zu betrachten. Wie kann es sein, dass solche Kulte Heilsversprechen am Fließband produzieren, sich sich auf eine stets zurückweichende Zukunft beziehen und sich nie materialisieren? Von Web2.0 über Social Media, Big Data und KI haben viele Technologieschritte Revolutionen versprochen – und wurden vom nächsten Trend überholt, bevor ihre Zeit gekommen gewesen wäre. 

Dennoch duldet die Digitalbranche keine Kritik. Eine der zentralen Rhetorikfiguren ist der Vorwurf der Four Horsemen of the Infocalypse: Jeder Gedanke an Regulierung des Internet gehe mit dem Vorwurf einher, das Netz befördere Terroristen und Pädophile, Geldwäscher, Drogenhändler oder Copyright-Piraten. Wenig versierte DigitalpolitikerInnen zitierten tatsächlich oft solche Bedrohungsszenarien (etwa in den sehr ungeschickten Debatten zu Chatkontrolle und Messengerüberwachung). Cyberlibertäre verunglimpfen mit diesem Vorwurf aber auch fundierte Kritik an ihren eigenen Geschäftsmodellen. 

Ethik ist ein weiteres Reizwort – Algorithmen-Etik, AI-Ethik und andere digitalspezifische Modeerscheinungen sind weit weg von jeder zielführenden Moraldiskussion und erfüllen oft die Aufgabe des Ethics-Washing: Ethik war auf der Agenda, das Thema wurde abgehakt, es ist nicht notwendig, hier weitere Bedenken zu äußern. 

„The Internet as we know it“ ist eine weitere beliebte Floskel der Cyberlibertären. Es ist in Gefahr, die vier apokalyptischen Reiter bedrohen es. „The internet as we know it“ erfüllt – von der anderen Seite – eine ähnliche Funktion wie „Zustände an amerikanischen Universitäten“: Mit diesem diffusen Hinweis echauffieren sich Konservative pauschal über Wokeness-Auswüchse. „Amerikanische Universitäten“ sind oft ein Hinweise auf mangelhafte Recherche und fehlende konkrete Punkte, „the internet as we know it“ ist ein ebenso diffuser schützenswerter positiver Wert, etwas, dessen Verlust eine Bedrohung darstellen soll. 

„Revolutionär wie die Erfindung der Druckerpresse“ ist eine weitere Trope, mit der die Relevanz der Digitalwirtschaft und ihrer Innovationen unterstrichen werden soll.  Das setzt geradlinigen Technodeterminismus voraus – Technik bestimmt die Gesellschaft, Politik oder soziale Einflüsse haben keine Auswirkungen. Diese Vorstellung ignoriert, dass die Verbreitung des Buchdrucks in eine Zeit massiver Umbrücke fiel. Buchdruck war ein willkommenes Instrument zur Beförderung revolutionärer oder kirchenkritischer Ideen, Buchdruck half tatsächlich, Wissensmonopole aufzubrechen und die Verbreitung von Information in zuvor unvorstellbare Dimensionen zu potenzieren. Digitale Technologien haben die Verfügbarkeit von Information zwar noch weiter potenziert, aber trotzdem kann deswegen der Mensch nicht mehr Information aufnehmen. Im Verhältnis zur Verbreitung des Buchdrucks sind Verschiebungen durch digitale Technologien also eher graduell und ihr Nutzen steigt immer langsamer, je mehr Information verfügbar ist. Natürlich helfen Suchalgorithmen und generative Technologien dabei, Information gezielter und effizienter verfügbar zu machen, aber dennoch erhärtet sich der Verdacht: Das Bemühen dieses Vergleiches verfolgt eher den Zweck, die Errungenschaften der Digitalwirtschaft in aufklärerisches und revolutionäres Licht zu rücken und die Relevanz der nächstbesten Innovation zu überhöhen.

Multistakeholderism, vor allem in Verbindung mit „real interests“, an denen die Betroffenen ihren Stake haben, soll sicherstellen, dass die relevanten Beteiligten ihre Argumente vorbringen können. In Anlehnung an die Forderung nach Multilateralismus, mit der China, Russland oder Indien in UN Arbeitsgruppen Gleichgewichte gegenüber den USA einfordern, fordern mit dem Schlagwort des Multistakeholderism Digitalunternehmen ihren Platz in der Digitalpolitik neben Regierungen und zuständigen Behörden. In dieser Forderung offenbart sich die Idee, dass nur die Digitalunternehmen politische Entscheidungen korrekt einschätzen können, sie sich also am besten selbst regulieren. In Golumbias Kritik ähnelt die Idee des Multistakeholderism der Idee des Zensuswahlrechts: Mitrede (oder wählen) dürfen soll nur, wer ausreichende Stakes im Rennen hat, also Anteile an Digitalunternehmen (oder im Fall des Wahlrechts: ausreichenden Grundbesitz oder andere finanzielle Mittel). 

Netzneutralität, Demokratisierung und Dezentralisierung sind andere Kampfbegriffe des Cyberlibertarismus. Es sind Appelle an große Begriffe, die mit kritischer Flexibilität gebraucht werden. Netzneutralität richtet sich an Regierungen, die nicht eingreifen sollen, welche Inhalte oder Dienstarten welche Bandbreiten einnehmen. Die Forderung richtet sich aber nicht an Internetprovider oder Streaminganbieter, die etwa für Zusatzservices und Nebeneinkünfte zusätzliche Bandbreite zur Verfügung stellen oder Inhalte in unterschiedlichen Qualitäten ausspielen. Demokratisierung wird bei den Cyberlibertären ein biegsamer Kampfbegriff, der von Mitsprache bei Entscheidungen bis zur gefährlichen Demokratisierung von Wissen und Expertise reicht. Letzteres ist die Rhetorik von Querdenkern, Wissenschaftsskeptikern und Putin-Verstehern, die gerne „selbst recherchieren“. Ersteres ist in der Politik sinnvoll, in Kryptowährungen inhaltlsleerer Selbstzweck: Natürlich bietet die Blockchain die stringenteste Partizipationskontrolle, aber am souveränsten bleibe ich, wenn ich mich gar nicht an Web 3.0-DeFi-Netzwerken beteilige. Dezentralisierung vermittelt ähnlich wie Demokratisierung Mitsprache für alle, Subsidiarität und Professionalität anstelle aufgeblasener Verwaltung. Oft wird der Begriff aber auch zum heimlichen Gegengift gegen politische Entscheidungen und damit gegen Demokratie, denn Dezentralisierung bedeutet auch, Entscheidungen bei wirtschaftlichen Akteuren anzusiedeln, weniger bei Verwaltung und Öffentlichkeit. 

Allen drei Begriffen ist gemeinsam, dass sie hohe Erwartungen an Menschenrechte und freiheitliche Grundlagen von Politik wecken, letztlich aber in der Spielart des Cyberlibertarianism eher im Kartell- oder Wettbewerbsrecht als im Menschenrecht anzusiedeln wären. 

Als langjähriger Beobachter digitaler Entwicklungen ertappt man sich bei der Lektüre immer wieder bei dem Gedanken, gerade im Digitalbereich stehen einander ganz besonders Schnarchnasen und Weltoffene, Auskenner und Langsamversteher gegenüber. Innovationsrhetorik ist packend, die Vorzüge des Digitalen liegen auf der Hand. Man kann heute große Teile der Welt nur mit einem Smartphone in der Hand bereisen: Zahlung, Navigation, Buchung, Lokaltipps, Behördenwege, Reiserinnerungen, Kontakt nach Hause – all das kann mit einem Device erledigt werden. 

David Golumbias Buch ist eine akribisch recherchierte Aufforderung, in der Bewertung von Nutzen und Nachteil der Digitalwirtschaft für unser Leben kritischer und genauer zu sein. Trotz packender Innovationsrhetorik ist nicht alles sinnvoll, trotz vieler Verbesserungen bringen Social Networks und große Handelsplattformen Nachteile für unsere Beziehungen und unsere unmittelbare Umgebung. Die Zugkraft cyberlibertärer Argumente zeigt sich auch in politischen Diskussion etwa um Altersbegrenzungen für Social Networks, digitale Polizeiarbeit oder generelle Regulierungsagenden: Schwache DigitalpolitikerInnen zeigen hier immer wieder Tendenzen, staatliche Kontrolle vermeiden zu sollen. Das ist absurd. Unternehmen sollen globale Alterskontrollinfrastrukturen einführen, damit Regierungen ihre Bürger nicht in gläserne Untertanen verwandeln. Das sind cyberlibertäre Träume, die dank mangelnder Technikkompetenz in der Politik blühen. Und eines der deutlichsten Zeichen für die Wirksamkeit der Tendenzen, die Golumbia analysiert. 

Fazit: Dave Golumbias Buch ist neben der politischen Dimension eine Wohltat für alle, die sich angesichts von Technooptimismus, Innovationskultur und sich rastlos im Kreis drehender Prophezeiungsredundanz fragen, wie oft man sich noch das gleiche erzählen möchte. Tech- und Trendanalysen sind ritualisierte Glaubensbekenntnisse, deren Kernaussagen seit dreißig Jahren unverändert ist, auch wenn die Besetzung der jeweiligen Säulenheiligen-Technologien wechselt. Web 2.0, Enterprise 2.0, Social Media, Big Data und KI waren nur einige Erscheinungen, die uns als so revolutionär wie die Druckerpresse und als förderlicher für Demokratie und Aufklärung als Royal Society und Französische Revolution zusammen verkauft wurden.