Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit

Menschen, die man grundsätzlich als zurechnungsfähige Personen kennt, beharren mit der Sturheit von vollkommenen Idioten auf unsinnigen Behauptungen. Um der Aufregung willen beharren andere mit ähnlichem Talent auf sinn- und kontextbefreiten Wortklaubereien, um aktuell Unliebsamen Unsinn andichten zu können. Diese Konversationen vollziehen sich mit Ernst und Eifer in autoritärer Rechthaberei, in der Lösungen oder Wahrheiten das Uninteressanteste sind. Man kennt das von Politmobs auf Social Media, von Querdenkern und häufig auch bei vermeintlich hyperrational argumentierende Ökonomieinteressierten.
OLiver Nachtwey und Caroline Amlinger bezeichnen diese Form der radikalen Rechthaberei als libertären Autoritarismus. In der Studie “Gekränkte Freiheit” holen sie weit aus, um einer Reihe von Interviews mit dieser neuen Spielart von Autoritären einen Theorierahmen zu verpassen.

Die Grundzüge ihrer Diagnose:
Spätmoderne Freiheitsabsolutisten verdrängen Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Institutionen, sie betrachten Freiheit als Ding, als isoliertes Objekt, das sie beanspruchen und besitzen können, nicht mehr als Beziehung. Libertär betrachtete Freiheit ist nur noch individuelles Handlungsvermögen ohne Bedingungen – also eine Illusion.Dieses Ausblenden von Bedingungen stellen Nachtwey und Amlinger auch in der Wissenschaftskritik fest: In einer komplexen Welt kann auch der Libertäre nicht alles wissen, er ist fremdwissensabhängig und dadurch entsouveränisiert. Das ist eine problematische Kränkung, die für die Betroffenen umso ärgerlicher ist, als sie auf Wissensinstitutionen angewiesen sind, denen sich gleichzeitig misstrauen.

Eine dritte Entwicklung die die von Andreas Reckwitz entlehnte Diagnose der Affizierung: Alles wird emotional aufgeladen und mit persönlichen Beziehungen verbunden, das drängt Meinungen in der Vordergrung und priorisiert den Meinenden, der wesentlicher Bestandteil jeder Aussage und aller Feststellungen ist. Nachtwey und Amlinger deuten dieses Verhältnis denn auch als Aggressionsverhältnis: Jemand ist auf Eroberungsfeldzug.

Im Theorieteil treten noch Alexis de Toqueville auf (mehr Gleichheit schärft das Ungleichheitsbewusstsein), Emile Durkheim (Bedürfnisbefriedigung ist unmöglich, wenn man nicht etwas, sondern mehr will), oder Otto Kirchheimer (Parteien sind heute entideologisierte Allerweltsparteien, die Machterwerb und -versprechen anstelle weltanschaulicher Massenintegration gesetzt haben) und Luc Boltanski (Menschen leiden zunehmend an Enthüllungssucht, die jede Aussage von Institutionen unter Generalverdacht stellt).
Die aus den Interviews herauskristallisierten Typen von Autoritären ergeben gewissermaßen Verschwörungssinusmilieus; die am häufigsten betroffenen Typen finden sich – umgelegt auf die üblichen Sinusmilieus – in der Gegend der Performer, teilweise auch in Postmateriellen Gegenden, weniger allerdings mit möglicherweise vermuteten hedonistischen Eck (dort fehlt das Geld für die zeitintensive libertär-autoritäre Pose).

Der eher praktischen Teil zerfällt ein wenig in einzelne Interviewbruchstücke, als Beleg herangezogene Teilsätze und verstreute Detailanalysen. Der vermutlich hinter dem Text liegende Datenreichtum bleibt verborgen, man würde sich streckenweise ein wenig mehr quantitativen Zugang wünschen. Möglicherweise sind die Daten für eine nützliche quantitative Analyse zu breit gestreut – libertäre Autoritäre gibt es in allen Altersschichten, in eher gebildeten und besserverdienenden Milieus und gleich verteilt in allen Geschlechtern.
Die grundlegende gemeinsame Figur, die alles verbindet, ist die Überhöhung der eigenen Autonomie, die ihre eigene Gesellschaftsabhängigkeit leugnet. Das haben Putin- und Trump-Versteher, Enttäuschte, die ihr Heil in Tierschutz statt in Beziehungen zu Menschen suchen, Impfskeptiker, Verschwörungsfreunde und hölzern argumentierende Vertreter politischer liberaler oder konservativer Jugendorganisationen gemeinsam.

Armin Nassehi: Kritik der großen Geste

Gefahren und Ursachen der Klimakrise sind bekannt, man müsste doch nur. KI, Big Data – Visionen sind schnell gezimmert, kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alle müssen agieren. Transformationsprozesse sind so allgegenwärtig und dabei so unberührt von Transformationen konstant wie die Trafo-Hütten der lokalen E-Werke. Alle predigen Veränderungen und kennen die Lösungen – aber nichts passiert. 

In etwa dieses Szenario steigt Armin Nassehi mit seiner „Kritik der großen Geste“ ein. Transformation ist ein häufig bemühter Begriff. Dem steht allerdings hartnäckige Trägheit gegenüber, die der Soziologie in der Gesellschaft beobachtet. Verhaltensmuster und Meinungen ändern sich nur sehr langsam, es ist nicht einmal eine anständige Spaltung zu diagnostizieren. Nassehi beruft sich dabei auf Steffen Maus Triggerpunkte

Die Macht von Wissen wird überschätzt, nur weil man etwas weiß, muss man nicht danach handeln. Eine schöne Beobachtung zur Trägheit ist die Feststellung, dass die Erwartungen an die Disruptivität von KI, vor allem in ihrer Ausprägung als Large Language Models, auf der Unerschütterlichkeit ihres Gegenstands beruhen. LLMs können deshalb so effizient lernen, weil so viele Menschen so oft das gleiche sagen und sich daraus wunderbar konstante Muster bilden lassen. 

Krisen, so eine Erwartung, könnten an dieser Trägheit etwas ändern. Klima, Corona und der Ukraine-Krieg haben viele Prediger und Visionäre auf den Plan gerufen, Welten von Selbstverständlichkeiten (Wir müssen das! Wir brauchen dies! Alles wird so!) sind aufeinandergeprallt und haben trotz ihres Energie- und Aufmerksamkeitsverbrauchs wenig bewegt. 

Was allerdings etwas deutlicher geworden ist: Unterschiedliche Legitimationssysteme, Erwartungshaltungen, Wertvorstellungen oder Ziele sorgen dafür, dass aus den gleichen Voraussetzungen unterschiedliche Schlüsse gezogen werden – und wenig passiert, weil sich vieles Gegenseitig aufhebt. 

Nassehi nennt es Visibilisierungserfahrung, wenn Grundlagen so unterschiedlich offenbar werden. Unterschiede lassen verstehen, dass wenig schnell passiert, dass Motivation und die Chance, Dinge durchzusetzen, für jede Einstellung anders funktionieren, dass Vernunft weniger mächtig ist als vernünftig wäre. Was Nassehi schließlich durch den gesamten Text öfters wiederholt: Gesellschaften sind kein Kollektiv. Sie können nicht als Kollektiv reagieren, auch wenn Herausforderungen kollektive sind.

Transformationsaufrufe und -visionen ignorieren das. Wissenschaftler, die mit Fakten Verhaltensprobleme lösen wollen, Politiker, die populistische Kurzfassungen predigen, Verschwörungstheoretiker, die gegen die da oben wettern, Kapitalismuskritiker, die das Böse im Profit sehen, sie alle bedienen sich einer Zinnsoldatenlogik, in der sie die Handelnden sind, gezielt einzelne Parameter steuern können und alle anderen sich danach richten wie die Zinnsoldaten. Zinnsoldaten sind ohne diese Erweckungsrufe in die Irre gelaufen, jetzt wird es ihnen wie Schuppen von den Augen fallen – nichts davon passiert in der Regel. 

Diese Art der Interaktion tarnt sich häufig als Gespräch, in dem Offenbarungen und Überzeugungen vermittelt werden, ausgetauscht werden sie ja nicht. Denn, Nassehi zitiert Gadamer, Gespräche sind nur dann prinzipiell möglich, wenn beide Seiten einräumen, dass der andere auch Recht haben könnte. Wo andere immer falsch liegen müssen, verfällt man wieder in die Zinnsoldatenlogik. 

Lineare Darstellungen, ob in wissenschaftlichen Texten oder in Influencer-Kanälen, die Dinge in Abläufe bringen, Reihenfolgen und damit gar Kausalitäten suggerieren, verstärken das Missverständnis einer einfachen und geordneten Problemlage. Wenn alles so schön ordentlich erzählt werden kann, ist nicht einzusehen, warum Probleme nicht auch einfach gelöst werden können. 

Diese großen Sätze, so Nassehis Gesamtdiagnose, sind allerdings zu groß und zu pathetisch für die vielen kleinen und kontingenten Reallösungen, die sich auch viele kleine und konkrete Probleme beziehen könnten. 

Nassehis Diagnose stimme ich uneingeschränkt zu; über das Problem der großen Gesten habe ich schon mal ein ganzes Heft geschrieben. Nassehi bleibt auch ausdrücklich beim Problem und vermeidet Lösungen, allen voran politische Rezepte. Vielleicht liegt es auch am Verzicht auf die große Geste, dass die Argumentation streckenweise etwas zäh und redundant wirkt, denn die Geste ist schließlich auch Entertainment. Dem realistischen Erbsenzähler hört man nicht so gern zu. Brauchen wir jetzt mehr Achtung für Erbsenzähler? Oder müssen wir große Gesten auch für kleine und konkrete Lösungen entwickeln? Aber ist letzteres nicht die Königsdisziplin des Bullshittens? 

Catrin Misselhorn: Künstliche Intelligenz und Empathie

Werden Roboter unsere besten Freunde? Sollen wir Mitgefühl mit virtuellen Agenten haben? Ersetzen virtuelle Interaktionen Freundschaft, sind digitale Sexpuppen die besseren Paartherapeuten? 

Misselhorn holt in dem kleinen Band weit aus, erklärt einige Grundlagen von Empathie und Emotion – und kommt immer wieder an den Punkt: Menschen können recht bald mit allem möglichen empathisch sein, auch mit Bots und virtuellen Assistenten. Künstliche Intelligenzen, Roboter und andere digitale Surrogate können das allerdings nicht. Die Beziehung bleibt einseitig. 

Menschen könnten also durchaus von Robotern Empathie lernen, könnte man meinen – Misselhorn teilt diese Perspektive allerdings nicht. Zum einen ist auch die Empathie von Menschen gegenüber Robotern beschränkt: Menschen fühlen dann mit Robotern, wenn diese entweder einfache aber eindeutig erkennbare Androiden sind, oder wenn sie abstrahierte Intelligenzen sind, von denen nur sprachliche Äußerungen erkennbar sind. Sehr menschenähnliche Roboter dagegen befinden sich im uncanny valley, im unheimlichen Tal drastisch sinkender Empathie, denn sehr menschenähnlichen Robotern wird sehr kritisch begegnet. 

Der wesentlichere Kritikpunkt allerdings bezieht sich auf potenziell negative Auswirkungen von Empathie, die unempathischen Gegenständen entgegengebracht werden. Wenn Menschen emotionales Investment in Roboter oder Künstliche Intelligenzen, also in Gegenstände, stecken, wird sich das eher negativ auf ihre eigenen emotionalen Fähigkeiten auswirken Das gilt für unerwiderte Zuneigung ebenso wie für hingenommenen Missbrauch: Misselhorn diskutiert Überlegungen, ob nicht etwa sexuelle Gewaltphantasien therapeutisch gegenüber Robotern ausgelebt werden könnten und kommt zu dem Schluss, dass sich auch diese Strategie eher negativ auf Empathie und emotionale Intelligenz von Menschen auswirken würde. Täter lernen Missbrauch, sonst nichts. Die Fragestellung ist keine theoretische; aktuell steht der Versandhändler Shein wegen kindlicher Sexpuppen in Kritik. 

Roboter und Künstliche Intelligenz sind also sehr wohl moralisch relevante Größen in der Diskussion von Empathie und Intelligenz, folgert Misselhorn – allerdings eher im Umkehrschluss. Unempathisches Verhalten gegenüber Robotern trage dazu bei, Menschen im Allgemeinen an unempathisches Verhalten zu gewöhnen. Emotionale Erwartungen an Roboter und KI seien allerdings auch eher Quelle als Lösung von emotionalen Problemen – manchmal tragischerweise auch eher die Quelle jener Probleme, als deren Lösung sie verkauft würden. 

Ulf Poschardt: Shitbürgertum

Ulf Poschardt schreibt unterhaltsam. Er führt eine feinere Klinge als die Vertreter des österreichischen Rabiatnik-Kommentarjournalismus von Richard Schmitt bis Christian Ortner. Inhaltlich bleibt der Text aber mau. Seine Ausführungen sind auf sehr wohlwollende Interpretation der Leserschaft angewiesen. Denn man muss sehr genau lesen, um in seinen Ausführungen Unterschiede zu gelangweilten Gen Z- oder Gen A-AutorInnen („Alles genozidale Fascho-Rassisten und Zionisten, diese Boomer!“) oder Tante Käthe („Lidderadur ist was für Wasserköppe und diese feinen Herren haben alle zwei linke Hände“) zu finden. 

Für seine vermeintliche Gegenwartskritik am Mief des Jahres 2025 holt Poschardt weit aus und geht bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück; vor Freude über die dort gefundenen Bestätigungen seinr Thesen über die Gegenwart vergisst er aber, den Punkt zu machen, über welche magische Verbindung der Konservative des Jahres 1945 die Grüne des Jahres 2025 channelt. Oder ist es umgekehrt? Egal, denn Poschardt macht in seinem Buch gar keinen Punkt. Es ist eine Aneinanderreihung von Sätzen, die er vermutlich immer schon mal sagen wollte. 

Viele Gegenwartsanalysen sind ja ganz ok als Diagnose, versagen aber völlig bei jedem Versuch, sie als Handlungsorientierung oder Entscheidungsgrundlage zu verwenden, sie lassen sich nicht einmal in klaren konsistenten Aussagen zusammenfassen. Das gilt für woke Analysen toxischen Liberalismus ebenso wie für konservative Geißelungen verderbter Postmoderne – und für Poschardts Stammtischtirade für ewige Gymnasiasten, für die intellektuelle Verbrämung ein ebenso erstrebenswerter Bonus ist wie das gelegentliche Dinner beim Haubenkoch mit Mutti. 

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Treibt uns Technik in den Faschismus? Rainer Mühlhoffs Essay ist eine gute Bestandsaufnahme diverser mehr oder weniger intellektueller Strömungen rund um Technologie und Politik, seine Schlussfolgerungen sind dann allerdings etwas überstürzt gezogen – und teilweise schon durch die Fragestellung bedingt. 

Technik fragt anders als beispielsweise Literatur- oder Geschichtswissenschaft. Für Technik ist in erster Linie richtig, was funktioniert. Funktionieren ist dabei oft ein erfolgsorientiertes Konzept: Wenn etwas Erfolg bringt, Menschen wohlhabender macht oder bestimmte Probleme löst, gilt das als Funktionieren. Offen bleibt dabei die Frage, wessen Probleme gelöst werden und wer reicher wird – das muss nicht unbedingt demokratischen Prinzipien entsprechen. Technischer Erfolg kann mitunter auch recht engstirnig auf kleine Gruppen bezogen sein und quasidarwinistische Ausleseideologien promoten. Das ist politische kritisch zu sehen, unterstützt Vorstellungen vom Recht des Stärkeren und macht sich wenig Gedanken über Teilhabe aller, Fairness oder ausgleichende Gerechtigkeit.

Mühlhoff kritisiert auch frühe Fantasien vom Cyberspace als den klassischen politischen Autoritäten entzogener Raum als libertär, undemokratisch und frühfaschistisch; auch John Perry Barlow wird für Mühlhoff seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace wegen zum Proto-Faschisten. Ich denke, diese These ist weder haltbar noch sinnvoll (oder nützlich) und wirft ein eher fragwürdiges Licht auf Mühlhoffs weitere Ausführungen. Diese sind eher Agitation als Schlussfolgerung. Die Diagnose mag über weite Strecken zutreffend sein, wurde aber anderswo, etwa von Adrian Daub, besser und treffender ausgearbeitet. Mühlhoffs Forderungen aber überschätzen die Fähigkeiten von Technikphilosophie oder Digitalpolitik: Technik lässt sich nicht so wirksam regulieren, wie Mühhoff es gern sehen würde. Von Technik geht mehr gestalterische Kraft aus als vom Recht. Aber die Einsatzgebiete von Technik lassen sich regulieren. Hier sind vernünftige Regelungen tatsächlich essenziell für auch weiterhin funktionierende Demokratie. Vernünftig bedeutet allerdings, sich nicht pauschal einer diffusen Technofaschismus-Angst zu verschreiben.  

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen

Der großen Frage – Wer hasst den Westen und warum? – stehen bei Ziegler sehr fragmentarische Beobachtungen zu diversen Tiefpunkten der Kolonialgeschichte gegenüber. Wie rassistische Theoretiker, die ein geschichtsloses Afrika postulieren, das erst mit europäischen Entdeckern greifbar wurde, setzt auch Ziegler seine Problemgeschichte erst mit etwa 1830 an. Das ignoriert nicht nur 400 Jahre europäisch-afrikanischer Beziehungen seit Vasco da Gama, sondern auch afrikanische Geschichte an sich. 

Seine Lateinamerika-Analysen laborieren an ähnlichen Problemen; generell ist Zieglers Position: Der Westen ist in der Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte nicht konsequent genug, ist aber sehr konsequent darin, Menschen andere Aspekte westlicher Lebensformen aufzuzwingen (nämlich die Produktionsweisen) und Schuld an allem ist der Kapitalismus, genauer gesagt der Versuch des Westens, den Kapitalismus überall durchsetzen zu wollen, was bei ärmeren Ländern nicht immer auf Gegenliebe treffe. 

Das verwundert, denn Staatschefs außerhalb Europas verbitten sich heute Einmischungen in innere Angelegenheiten, nehmen eigene Interpretationen von Menschenrechten in Anspruch und wollen sich marktwirtschaftliche Entwicklung nicht nehmen lassen. Es sind weniger sozialistische Politeliten als aufstrebende Mittelschichten, die politische demokratische Entwicklungen vorantreiben und gegen Korruption auftreten. 

Ebenfalls verwundert, dass Ziegler beispielsweise Wole Soyinka als Zeugen für Hass auf den Westen aufruft. Es lassen sich viele hassspezifische Aufrufe von Soyinka finden – allerdings richten sie sich gegen Hass. 

Schlecht gealtert ist auch Ziegler Apologie auf Evo Morales. Morales ist für Ziegler antikapitalistischer Rückeroberer des Südens, die Wahl in Bolivien 2009 bezeichnet Ziegler als entscheidend für die Welt (diese Ausgabe wurde 2009 zuletzt überarbeitet). Morales gewann die Wahl überlegen. Dann kandidierte er entgegen seiner selbst erarbeiteten Verfassung 2015 für eine dritte Amtszeit und ging noch einmal – knapper – als Sieger hervor. 2019 wollte er ein viertes Mal Präsident werden, gewann unter fragwürdigen Umständen und wurde aus dem Land gejagt. 

Russland erwähnt Ziegler gar nicht, China kaum und auch die arabischen Ölgroßmächte beachtet Ziegler nicht. 

Weiteres bemerkenswertes Detail: Frauen sind bei Ziegler hübsch, naiv, schüchtern, korpulent oder kühl, während Männer gerissen, machtorientiert, gewinnend, sympathisch und durchsetzungsstark sind. 

Ray Kurzweil: The Singularity is Nearer

Ray Kurzweil macht keine halben Sachen – alles wird gut, die Singularity wird es richten. Singularity beschreibt den Zustand, in dem Mensch und Maschine eins werden, wir uns über medizinisch versierte Nanobots ewiges Leben sichern und neuronale Netze in Computern eins mit jenen in unserem Hirn werden.

Kurzweil prägte den Singularity-Begriff in einem vor zwanzig Jahren erschienenen Buch und liefert jetzt, als mittlerweile Chef-Visionär von Google, ein Update unter den Vorzeichen fortgeschrittener KI. Er sieht für alle Probleme durch Technik vorangetriebene Lösungen. Industrielle Fleischproduktion ist schlecht für Tier und Umwelt? Nanotechnologie und Laborfleisch werden das lösen. Der Klimawandel ist unaufhaltsam? Erneuerbare Energien machen große Sprünge nach vorne. Politische Entwicklungen wie Trumps “Drill Baby!”-Parolen ignoriert Kurzweil. Städte sind voll, Wohnungsnot macht sich breit, Immobilien werden unleistbar? Digitale Technologien ermöglichen mobiles und ortsungebundenes Arbeiten und werden so den auf den Städten lastenden Druck reduzieren. Ob das allen Menschen in allen Jobs wichtig ist und ob Menschen das auch wollen, ist für Kurzweil kein Thema.

Einen wesentlichen Beitrag zur Problemlösung wird künstliche Intelligenz leisten. KI beschleunigt Entwicklungen, zeigt neue Möglichkeiten auf und ist rein mathematisch jetzt schon dem menschlichen Hirn überlegen. KI wird ganze Jobfamilien verschwinden lassen. Kurzweil plädiert dabei für vernetzte Perspektiven: KI wird nicht nur auch Jobs schaffen, sondern auch im Jobmarkt komplexere Auswirkungen als das Verschwinden einzelner Jobs nach sich ziehen. Autonomes Fahren ist nicht nur schlecht für Trucker, sondern auch für den Truckerstrich, schreibt Kurzweil.

Und selbst wenn KI einen Großteil aller Jobs beseitigt und nur sehr wenig neue schafft, gibt es immer noch eine technische Lösung am nahen Horizont: Nanotechnologie, die aller erdenklichen Materialen synthetisieren kann, wird in Verbindung mit 3D-Druckverfahren alle Kosten für alles so weit senken, dass praktisch alle Güter (inklusiver über Nanotechnologie hergestellte Lebensmittel) für Menschen kostenlos sein werden. Sobald Nanotechnologieverfahren einmal etabliert sind, werden Reproduktionskosten für alles gegen Null gehen.

Kurzweil hält es also für realistisch, dass wir in absehbarer Zeit tausend Jahre alt werden, danke Vernetzung unserer Hirne mit KI unbegrenzt schnell und komplex denken können (zehndimensionale Räume oder ähnliches sind uns dann sonnenklar) und bei all dem keinen materiellen Stress haben. Das Verschwinden des materiellen Stress löst im übrigen auch Kriminialitäts- und politische Probleme: Alle haben alles, es gibt keinen Grund mehr, zu streiten.

Die letzten zwanzig Seiten seines Buchs widmet Kurzweil möglichen Problemen auf dem Weg zur Singularität. Die Problembehandlung zeigt eine doch etwas bedenkliche Flughöhe, von der aus Mühen der Ebene schlicht nicht mehr wahrnehmbar sind. Klar kann es schiefgehen, meint Kurzweil, aber Menschen haben schon oft unter Beweis gestellt, Probleme lösen zu können. Zum Beispiel die Bedrohung durch Nuklearwaffen. Das Buch erschien 2023, ein Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Kurzweils zweites Beispiel ist die Entwicklung der Corona-Impfstoffe; bei Moderna war KI massiv im Einsatz. Die Impfstoffentwicklung war toll zweifellos eine Erleichterung, nüchtern betrachtet aber doch keine Problemlösung einer Dimension, die es mit allen nur erdenklichen Szenarien der Zukunft aufnehmen kann.

Damit bleibt “The Singularity is Nearer” die ernstzunehmende Perspektive von jemandem, der dabei war und mit vielem recht hatte. Aber niemand hat immer recht. Und es ist umso leichter recht zu haben, je abstrakter Prophezeihungen sind.

Der relevanteste Gedanke von Kurzweils Buch sind die nie ganz deutlich ausgesprochenen aber doch öfters lesbaren Hinweise, dass dem Begriff der Intelligenz in der Diskussion Künstlicher Intelligenz zu viel Bedeutung beigemessen wird. Diese Einsicht findet sich auch in vielen industriell relevanten Diskussionen künstlicher Intelligenz. Mit der Überschätzung von Intelligenz beziehe ich mich nicht auf redundante Debatten darüber, was nun Intelligenz sei, wie wir das messen und ob die Intelligenz Künstlicher Intelligenz nun tatsächliche Intelligenz sei. Relevanter als Intelligenz ist nämlich Autonomie. Es ist, abgesehen von der kulturellen Kränkung für das Lebewese mit dem komplexesten biologischen Gehirn, grundsätzlich egal, wie intelligent die Empfehlungen von KI sind. Es wird aber ein einschneidender Eingriff, wenn Ergebnisse von KI keine Empfehlungen mehr sind, die von einem menschlichen Entscheider akzeptiert werden oder nicht, sondern wenn es autonome Entscheidungen werden, denen auch gleich Handlungen folgen. Dieser Schritt macht KI produktiver. Dieser Scrhitt wird aber bislang von allen Regelwerken für industriell produktive KI-Anwendungen, die über aufgeschlossenes Experimentieren hinausgehen sollen, tunlichst ausgeschlossen

Robert Oppenheimer: Wissenschaft und allgemeines Denken

Wie erlangt Wissenschaft Bedeutung im Alltagsleben? Können wissenschaftliche Ergebnisse alltägliche Anschauungen beeinflussen? Wie verhält sich Wissenschaft zu der Frage, wie Menschen Prioritäten setzen? Robert Oppenheimers Vorlesungsreihe aus den frühen 50er Jahren berührt eine Vielzahl heute noch brisanterer Fragen. Wo heute Verschwörungstheorien und Überschätzung der Wissenschaft ebendiese von zwei Seiten unter Druck setzen, waren es zur Zeit Oppenheimers Erkenntnisse aus Atomphysik und Quantentheorie, die Zweifel am Zusammenspiel von Forschung und Alltag säten. Diese Erkenntnisse sind bis heute nicht verdaut. 

In der großen Welt, wir Oppenheiner es nennt, haben wir klar umrissene Objekte und können Vermutungen über Kausalitäten anstellen, die sich recht verlässlich argumentieren lassen und zu reproduzierbaren Ergebnissen führen. In der Welt der Atome wird die Beobachtung zunehmend schwieriger; Forscher müssen sich überdies mit ganz anderen Arten von Fragen beschäftigen. In der flüchtigen Teilchenwelt ist beispielsweise nicht ganz klar, wie lang etwas existieren muss, um als existent zu gelten. Kausalitöen lassen sich ebenfalls kaum begründen – welche Auswirkungen kann es auf die in der großen Welt vermeintlich beobachteten Kausalitäten haben, wenn ihre vermeintlichen Bauteile diesem Gedanken von Kausalität so gar nicht folgen? Und was sagt es über den Zusammenbau der großen Welt, wenn das Chaos in der Atomwelt die beobachtbaren und reproduzierbaren Abläufe gar nicht stört?

Oppenheimer sah darin einen Teil der Begründung dafür, dass Wissenschaft nicht darüber entscheidet, was Menschen wichtig ist und dass Wissenschaft Wege finden muss, sich mit Menschen in Verbindung zu setzen

Die frühen 50er Jahre liegen etwa 30 Jahre vor dem Aufkommen der ersten Ansätze von Wissenschaftskommunikation. Thatchers Budgetkürzungen im England der 80er Jahre veranlassten Forschungsinstitutionen dazu, tatsächlich nähere Beziehungen zu Menschen zu suchen und den Nutzen von Wissenschaft zu begründen – um die Öffentlichkeit Wissenschaftsbudgets gegenüber positiver zu stimmen.

Aus heutiger Sicht stellt die Erkenntnis einen Knacks im Selbstverständnis von Wissenschaft als primärem Zugang der Welterfassung dar. Physiker von Bohr über Heisenberg bis Schrödinger haben ähnliche Grundsätze wie Oppenheimer formuliert, das verfälschte Ideal eine neutralen, rein an Fakten orientierten und von Wissenschaftlern und deren Werten und Lebenswelten unabhängigen Wissenschaft hält sich nach wie vor hartnäckig. 

Oppenheimer kritisiert die Vorstellung der Welt als einer unveränderbaren Maschine, die vom Wissenschaftler nur beobachtet wird. Seine wesentlichen Einwände: 

Wissenschaft ist kumulativ. Erkenntnisse bauen auf einander auf, Wissenschaft ist oft nur mit ausreichendem Vorwissen verständlich. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind daher auch immer von vorangegangenen Erkenntnissen abhängig; Wissenschaftsgeschichte beeinflusst die Zukunft der Wissenschaft und das wissenschaftliche Weltbild. Gibt es – im wissenschaftlichen Weltbild – einen Unterschied zwischen wissenschaftlichem Weltbild und der Welt „da draußen“?

Jede Messung, jede Beobachtung ist ein Eingriff und schafft eine „neue einmalige, nicht völlig voraussehbare Lage“. Denn die Art der Beobachtung legt fest, welche Eigenschaft der Situation genau bestimmt sein wird und welche weniger genau. Das ist eine nüchterne Beobachtung des Physikers, die heute häufig als esoterischer Wissenschaftszweifel kritisiert wird. 

In der wissenschaftlichen Methode verwachsen Methode und Objekt mit zunehmender Spezialisierung miteinander. Methoden schaffen neue Objekte, Objekte, Erkenntnisse und Theorien erfordern Methoden – Wissenschaft ist nehr Gestaltung als Beobachtung. 

Andere Wissenschaftstheorien kennen diese Überlegungen als Theoriebeladenheit von Beobachtung (Quine), Experimenters‘ Regress (Collins) oder induktives Risiko (Hempel).

Eine andere Feststellung von Oppenheimer kann als Variation zu Claude Shannons Informationstheorie gelesen werden: Wissen baut auf vorhergehendem Wissen auf und muss zu diesem in Beziehung gesetzt werden können. Es gewinnt aber vor allem dadurch an Bedeutung, dass es sich von vorhandenem Wissen unterscheidet. Alles andere bekommt keine Aufmerksamkeit, keine Relevanz – und ist letztlich möglicherweise auch kein Wissen. Bei Claude Shannon entsteht Information durch Vielfalt: Am informativsten ist die Zeichenkette, die die meisten verschiedenen Zeichen enthält. Rudolf Carnap und Yehoshua Bar Hillel haben die Überlegung als Bar Hillel-Carnap-Paradoxon auf die Spitze getrieben: Den größten Informationsgehalt enthält demnach die Information, die sich am deutlichsten von vorhandener Information unterscheidet. Das wäre der Widerspruch zu bekanntem Wissen. Solche Informationen senden sicher starke Signale und ziehen Aufmerksamkeit auf sich, letztlich bedeuten sie aber nichts, denn sie können nicht in Beziehung gesetzt werden, weder zur Ausgangsinformation, die sie verneinen, noch zu einer Beobachtung, denn sie entstehen nur aus der Verneinung. Insofern wäre die Leere am informativsten. Luciano Floridi als Interpret des Paradoxons versucht, diesen Widerspruch durch einen geschärften Informationsbegriff aufzulösen, der solcherart falsche Information (die sich auf Nichtexistierendes bezieht) nicht als Information gelten lässt. 

Oppenheimer hätte vermutlich beides gefallen, sowohl das Paradoxon als auch der veränderte Informationsbegriff, denn Wissenschaft zeichnet sich für Oppenheimer dadurch aus, mit Antinomien, Unerwartetem und in der Alltagserfahrung scheinbar Umöglichem arbeiten zu können.

Wissenschaft klärt offene Fragen und löst Probleme – das ist auch hier Problem. Wissenschaft wird oft überschätzt und überfordert. Für Oppenheimer äußert sich das in der Überschätzung des beim einzelnen vorhandenen Wissens und in der Überschätzung der Einheitlichkeit in der Gemeinschaft. Einzelne verfügen, auch wenn sie sehr viel wissen, immer nur über punktuelles Wissen. Das kann ihnen zu sehr guter Orientierung in der Welt verhelfen und sehr nützlich sein, aber es ist trotzdem nur ein kleiner Auszug und aufgrund der kumulativen Eigenschaften von Wissen von anderen und anderem Wissen abhängig. Das Problem der überschätzten Einheitlichkeit äußert sich in der Annahme, Wissen wäre verbreitet und akzeptiert. Innerhalb der Wissenschaft kann es verschiedene Ansichten geben, wissenschaftlicher Konsens ist ein starkes Signal aber keine normative Verpflichtung, und Wissenschaft allein stellt keine politischen oder sozialen Regeln auf. Aus der Tatsache (oder der Vermutung), dass etwas wahr ist, geht keine Verpflichtung hervor, das kann nur innerhalb eines begleitenden Regelwerks oder im Rahmen anzuwendender Werte geschehen. Wissenschaft sollte sich allerdings den Fragen stellen, welche Entscheidungen vor welchem Hintergrund mit welchen neutral gemeinten wissenschaftlichen Ergebnissen argumentiert werden können. Das ändert nichts an der wissenschaftlichen Methode und ihren Ergebnissen. Aber es stärkt die Position von Forschenden, die ihre Ergebnisse verteidigen möchten. 

Das Mißverhältnis zwischen Sein und Sollen, Wissenschaft und Politik, Diagnose und Handlung zeigt sich immer wieder im Verschwörungsumfeld, insbesondere im Corona-Zusammenhang. „Hört auf die Wissenschaft“ war die eine Extremposition – in der aber offen blieb, was „die Wissenschaft“ denn sagte. Virologen konnten Daten über die Verbreitung von Viren sammeln und auswerten, Bildungsforscher konnten sich mit der Auswirkung von Lockdowns auf Lernfortschritte beschäftigen, Ökonomen konnten diverse wirtschaftliche Szenarien berechnen. Alle Disziplinen konnten Empfehlungen zur Maximierung einzelner Ziele aus ihrer Disziplin berechnen. Die Abwägung zwischen Ansteckungs- und Krankheitsrisiken und wirtschaftlichen Verlustrisiken aber blieb der Politik überlassen. Die Priorisierung der einzelnen Ziele und Risiken ist keine wissenschaftliche Entscheidung, das ist eine Frage von Werten die politisch verhandelt werden. 

Der Verhandlungsspielraum dabei ist gewachsen – und das ist nicht nur positiv. Überkommene Autoritäten mussten Platz machen und sich Argumenten stellen. Das sind Folgen von Aufklärung und Demokratisierung. Die Ausläufer heute sind spitze Einzelmeinungen, die in Talkshows als relevante Einwände gegen wissenschaftlichen Konsens dargestellt werden. Ähnliches kann Oppenheimer im Sinn gehabt haben, wenn er mahnend feststellt, dass sich die Einheit von Wissenschaft auf Gemeinschaft gründet. Wenn wir jeden Konsens jederzeit infrage stellen, Einzelmeinungen gleichberechtigt neben weitverbreitete und langerprobte Lehren stellen wollen, dokumentierte Ergebnisse durch Meinungen ersetzen oder aus einzelnen unter abgegrenzten Rahmenbedingungen durchgeführten Untersuchungen universelle Gesetzmäßigkeiten ableiten wollen, dann ist das eine Überstrapazierung wissenschaftlicher Methoden. Desinformation und Ignoranz tragen dazu ebenso bei wie die Überschätzung von Fakten und Evidenz. Information allein schafft noch keine Motivation, in einem bestimmten Sinn zu handeln. 

Neben unterschiedlichen Zielen, Wertvorstellungen oder politischen Haltungen untergraben noch andere Entwicklungen Grundlagen gemeinsamen Wissens: Künstliche Intelligenz verkürzt für viele Menschen Denkwege und empfiehlt Ergebnisse, deren Grundlagen die Empfehlungsempfänger nicht kennen müssen. Wenn Menschen danach handeln, handeln sie nicht nach Grundlagen, die ihnen und ihren Mitmenschen gemein sind, sie handeln nach Grundlagen, die anderswo in Algorithmen verpackt wurden, die sich möglicherweise auch noch verändern. KI schwächt damit die Rolle offen gemeinsam ausdiskutierter Grundlagen und das common good, das im realen Leben eine relevante Rolle in menschlichen Entscheidungen spielte. Dieser letzte Gedanke stammt von Mark Coeckelbergh und beschreibt ein relevanteres und realeres Krisenszenario rund um KI als alle Dampfmaschinen-, Buchdruck- und Jobkiller-Metaphern zusammen.