Moses Isegawa, Abessinische Chronik

Ein mitreißender Familienroman – und eine deutlich andere Perspekive auf das Afrika-Bild vieler EuropäerInnen und NGOs.

Der dicke Wälzer war Isegawas erstes Buch, das für gehöriges Aufsehen in Europa sorgte. Isegawa war einige Jahre zuvor auf Einladung einer NGO in die Niederlande gekommen, dann abgetaucht und hatte einige Jahre als U-Boot in den Niederlanden gelebt.

Abessinische Chronik ist ein ausladend umfangreiches Buch, das eine generationenübergreifende Familiengeschichte erzählt – so ausladend, dass das Buch sogar eine eigenes Personenregister braucht.
Isegawa erzählt die Geschichte einer weitverzweigten Familie, von religiösen Eiferern, von Menschen, die ihr Glück in der Stadt versuchen, von anderen, die ihre Hütte nicht verlassen wollen.
Die weit ausholende Story ist anfangs etwas langwierig zu lesen – bis man genau wegen dieser Langwierigkeit und des Detailreichtums mehr will.
Isegawa bleibt aber nicht bei der Familienchronik.
Das große Panorama ist auch der Hintergrund, vor dem er sich mit dem Verhältnis zwischen Afrika und Europa beschäftigt. Und da findet Isegawa eine sehr deutliche Sprache: Das Afrikabild im Europa der neunziger Jahre, das noch immer von Elend, Krieg und Katastrophen geprägt ist, das Bilder zeichnet, die gerade Uganda während der Diktatur Idi Amins tatsächlich erlebt hat, aber überwinden und bewältigen möchte, mit denen aber europäische NGOs Spenden sammeln und rassistische Politiker Angst und Ablehnung befeuern, hinterlässt tiefe Spuren bei dem Neuankömmling.
Ein paar Auszüge aus dem Buch:
“Internationale Bettelei, Imageplünderung und nekrophile Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form warteten auf meinen Genehmigungsstempel. Man legte mir Bilder von Kindern vor, die mehr tot als lebendig und deren Augen, Münder, Nasenlöcher und Kleider dicht von Fliegen besetzt waren. Ihre Hilfeschreie schwebten wie eine dämonische Aura über ihren Köpfen und nahmen mir jede Lust auf meine neue Aufgabe. Ich zitterte und sehnte mich nach einem Schnaps.

(…)

Die Rohheit ihrer Propaganda sprach Bände, was ihre Organisation und deren Zielgruppe anbelangte. Offensichtlich befand ich mich unter weit kaltblütigeren Schurken, als ich einer war, und würde mein ganzes Wissen revidieren oder über Bord werfen müssen.

(…)

Doch die Kartelle und die Haie der Entwicklungshilfe-Industrie waren zu weit gegangen und standen mit dem Rücken zur Wand. All die Leichen, all das fliegenumlagerte Gebettel und der pathetische Appell an ihren schwankenden Edelmut hatten die gleichgültigen Reichen noch gleichgültiger gemacht. Einige der Haie hatten ihren Fehler inzwischen eingesehen und versuchten nun, ihren nekrophilen Aktivitäten und ihrer fliegenumschwärmten Geldschneiderei einen humanen Touch zu geben.

(…)

“Was mir den Rest gegeben hatte, war das Foto einer ausgemergelten jungen Frau, über dem in riesigen Lettern ein schriller Spendenaufruf stand. Sie lag auf einer Matte, das ausgezehrte Gesicht nach oben gewandt, die Augen in verschleimten Höhlen schwimmend (…) Das Geld, das dieser Kadaver einbrachte, würde tröpfchenweise nach Afrika gelangen und im Rahmen internationaler Schuldentildung postwendend wieder zurückfließen. Der afrikanische Kontinent war wie Tante Lwandeka in ihren letzten Tagen: Das wenige an Nahrung, das oben hineinging, kam unten sofort wieder heraus. (…) Es waren im Grund keine bösen Menschen, zumindest nicht verglichen mit den Mördern, die bei uns frei herumliefen, aber es war schlechte Gesellschaft, in der ich mich keinen Tag länger bewegen mochte.“

Isegawa wurde für Abessinische Chronik gefeiert und legte mit “Schlangengrube” kurz später nach. Seither ist es um den Autor etwas ruhiger geworden. Er hat die Niederlande verlassen und lebt jetzt wieder in Uganda.

Michael Hafner

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