Michael Hafner
Wo ist Bobi Wine?
Vom Befreier zum Diktator
Vom Reality-TV-Star zum Oppositionshelden
Der Präsident kennt keine Nachsicht
Gewinnen die Herausforderer trotzdem?
»Hoffentlich nicht Ebola …«
Man kann den Blick auch mal umkehren: Nkaicha Atemnkeng schreibt eine bitterböse Persiflage auf Nicht-Afrikaner, ihre Angst vor Ebola und vor Eidechsen in den Servier-Trolleys von Flugzeugen.
Es ist noch keine Woche her, dass sich eine EU-Abgeordnete der VP dumme, rassistische Ausrutscher leistete, vor denen ihr dann offenbar selber grauste.
Der Staub hat sich gelegt, Vorurteile und Feindbilder wurden einmal mehr bedient. Statt es dabei zu belassen, greife ich jetzt immer wieder mal ins Bücherregal und lese nach, was afrikanische Autorinnen und Autoren so über Europa sagen.
Empfehlung des Tages ist heute Nkaicha Atemnkeng aus Kamerun, der in „Wahala Lizard“ eine böse und tiefschwarze Persiflage auf die Panik Nichtafrikanischer Mitreisender schreibt, nur weil jemand seine Übelkeit während eines Flugs über Nigeria scherzhaft mit „Na hoffentlich ist es nicht Ebola“ kommentiert. Als dann eben noch eine Eidechse aus dem Servier-Trolley im Flugzeug krabbelt, versinkt der Flieger gänzlich im fröhlichen Chaos – „wahala“ ist das Hausa-Wort für „terrible mess“.
„Wahala Lizard“ ist in der 2015er Anthologie des Caine Prize erschienen. Der Caine Prize ist ein jährlicher Wettbewerb für afrikanische Autorinnen und Autoren, die ausgezeichneten Einsendungen werden jedes Jahr in einer Anthologie in mehreren Ländern veröffentlich und sind auch online recht leicht zu bekommen.
Atemnkeng arbeitet als Kundenbetreuer am Flughafen in Douala in Kamerun. und bloggt gelegentlich hier .
“Imageplünderung und nekrophile Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form”
PS: Um Selbstbilder afrikanischer Geschäftsleute geht es auch in „The Big Boda Boda Book“ am Beispiel der Motorradtaxis Ugandas, einer Branche, die praktische das ganze Land trägt.
Afrika: “Die da unten”
- Europa sieht sich noch immer gern in einer Entdecker-Rolle. Lange bevor Vasco da Gama Afrika umsegelte, um nach Indien zu gelangen, gab es allerdings überaus lebendige Handelsbeziehungen zwischen Afrika, Indien und dem arabischen Raum. Nicht Afrika war von der Welt abgeschnitten – Europa war es, das weniger Kontakte zu Außenwelt hatte. Und Europa hinkt heute noch hinterher – wie ein Kind, das gerne mitspielen möchte, aber unbedingt und ausschließlich nach seinen eigenen Regeln spielen will; wie jemand, der Fussball spielen möchte, während alle anderen Basketball spielen.
- Leid, Unterdrückung und Grausamkeit als Eigentümlichkeiten „afrikanischer Kultur“ zu sehen, zeugt von merkwürdiger Vergessenheit. Und selbst wenn man die Kriegsvergangenheit Europas genauso vom Tisch wischen möchte wie Schmidt das mit der Kolonialzeit probiert, dann könnte man ja den großen Europäer Putin in dieser Angelegenheit zu Rate ziehen, wenn er schon zur Hochzeit von Regierungsmitgliedern eingeladen wird.
- Mit unkontrollierter Migration schließlich hat all das wenig zu tun. Man könnte jetzt genauso gut 10x hintereinander „Balkanroute“ rufen – auch damit kommt man zu einem Thema, über das die VP offenbar gern redet, unabhängig davon, ob und wo es passt.
- Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede zwischen „Afrika“ und „Europa“ – so wie zwischen faulen Italienern und fleißigen Deutschen, stolzen Spaniern und diebischen Rumänen, trinkfesten Finnen und zurückhaltenden Engländern. Man kann sich mit solchen Idiotenklischees beschäftigen. Oder man kann etwas aufmerksamer durch die Welt gehen, vor allem wenn man den Anspruch hat, diese politisch mitgestalten zu wollen.
Jan Valtin – Tagebuch der Hölle
Karl Polanyi – The Great Transformation
Unterwerfung
Spät aber doch habe ich jetzt auch Michel Houellebecqs „Soumission“ gelesen – den Roman, in dem es um eine islamische Machtübernahme in Frankreich geht.
Literarisch gesehen ist das Buch eher vernachlässigbar (fängt spannend an, ist zwischendurch auch mal amüsant, zerfällt dann aber in sehr konstruierten Endlosdialogen und -monologen).
Den bleibendsten Eindruck hinterlässt die Frage: Was soll und kann man jetzt wirklich tun? Abgesehen von aller überzeichneten Unterwerfung pflegen Houellebecqs Figuren allesamt einen sehr friedlichen Umgang mit der islamischen Machtübernahme. Aber was kann man eigentlich wirklich tun? Gegen eine demokratisch gewählte Regierung, gegen Maßnahmen, deren Nutzen sich leicht argumentieren lässt, gegen Narrative, gegen die sich nur mit vielen Details argumentieren lässt? Gegen eine Stimmung, die vielen offenbar angenehm ist?
Österreich ist Schwarz-Blau unterworfen. Für manche ist das mit Angstlust verbunden, für andere anscheinend mit echter Zufriedenheit. Auch jetzt, im Juli, entschuldigt sich Finanzminister Löger noch damit, dass sich seine Pläne KURZfristig geändert haben, wenn er einen Termin mit Wirtschaftsvertretern nicht wie geplant wahrnehmen kann. Und er lässt es sich zwei Sätze später nicht nehmen, anzumerken, dass er in Österreichs Wirtschaft viele KERNprobleme sieht. Und eben diese Wirtschaftsvertreter merken dann ebenso verspielt an, sie hätten jetzt den Eindruck, die Regierung sei wenigstens nicht mehr wie ein Schiedsrichter, der in Wahrheit bei der anderen Fussballmannschaft mitspielt.
Unterdessen schleichen Pumas und Pferde ins Land und hat bei Spionage, Asyl oder Deutschförderklassen niemand mehr den Überblick.
Houllebecqs Protagonisten sind nerdige Literaturprofessoren, denen die islamische Wende auch zu jungen Frauen verhilft. Die Protagonisten von Schwarz-Blau sind Menschen, denen noch nie jemand etwas getan hat, die Freude an der Macht haben und daraus auch kein Geheimnis machen.
Sie fühlen sich im guten Recht, als hätten sie es hart erkämpft. Und die ein wenig unscharfe, aber im Hintergrund immer klarer werdende Frage, die sich mit aufdrängt, ist: Wenn sie früher so gelitten haben, dass sie jetzt derart triumphieren müssen, wer leidet dann jetzt?