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Die ganze Geschichte: https://michael-hafner.at/informavores

Kurt Kuch, stellvertretender Chefredakteur von “News”, Chefreporter und Ressortleiter der Innenpolitik spricht im Interview mit der-karl.com über ein Leben als Aufdecker zwischen politischem Druck, Medienberatern, gezielten Fehlinformationen, seinen Spass am Spürsinn, die Nostalgie burgenländischer Discos und die Angst des Enthüllungsjournalisten vor dem Leger.
der-karl.com: Du bist seit 16 Jahren Journalist, seit Oktober Chefreporter und stellvertretender Chefredakteur bei News und aktuell der Aufdecker der Nation. – Warum ist Dir nicht einfach wurscht, was ein Grasser, Gorbach, Hochegger, Mödlhammer, und wie sie heissen, machen?
Kurt Kuch: Ich habe einfach noch immer einen Heidenspass an meiner Arbeit. Es macht mir Freude, den Dingen nachzuspüren – und es melden sich ja immer wieder Freiwillige, die wie von selbst aufzeigen und die besten Geschichten liefern. Manche betteln direkt darum, all ihre Fehler und fragwürdigen Handlungen im Magazin zu lesen – vor allem wenn sie versuchen, eine Ebene höher zu intervenieren, oder wenn sie versuchen, unterzutauchen und nicht zurückrufen. Mir fällt da eine Geschichte aus dem Hochegger-Zusammenhang ein: Ich habe in den Akten entdeckt, dass ein ehemaliger Telekom-Manager insgesamt 500.000 € für Diverses an Hochegger gezahlt hat, während umgekehrt ausgerechnet die Frau dieses Managers mit 21.000 € auf der Liste der von Hochegger bezahlten Leute stand. Ich wollte eigentlich nur wissen, was die Leistung der Dame war. Der Betroffene hat genau den Fehler gemacht, in der Chefredaktion anzurufen – und dann gibt’s natürlich Kleinholz, obwohl er dort eh auf Granit gebissen hat. Er hat mich nicht zurückgerufen – daraufhin habe ich alle Mitarbeiter der Pressestelle seines aktuellen Arbeitnehmers angerufen, jedem, der gefragt hat, worum es denn geht, bereitwillig erklärt, dass ich etwas über ihn im Strafakt der Telekom-Affäre gelesen habe und auch seine Assistentin ausführlich informiert. Wenn jemand ein so schlechtes Gewissen hat, dass er selbst in solchen Situationen noch untertauchen will, dann macht es mir schon richtig Freude, alles ans Licht zu bringen.
Noch schöner ist es natürlich, wenn Geschichten im großen Stil aufgehen. Gestern zum Beispiel (18.1., Anm.) war ich schon um 6 Uhr auf und um 8 im Büro, weil ich es nicht mehr erwarten habe können, die Vorab-Aussendungen zu Telekom und Co zu machen.
Ich habe auf Facebook schon mal vorangekündigt, dass etwas passieren wird, ein bisschen getwittert – und dann wars endlich so weit. Um 11.30 waren die Aussendungen draussen (“Telekom sponserte Grassers Roadshow”, “Rote und schwarze Politiker auf Hochegger-Payroll”, “960.000 Telekom Euro für BZÖ-Wahlkampf 2006”) – und es ist wirklich gleich rundgegangen. Dinge anzuzünden, und mich dann mal für eine Stunde zurückzulehnen und zuzusehen, wie alles explodiert, wie Anwälte, Fernsehstationen und andere Medien anrufen, das genieße ich schon sehr.
Dazu kommt noch, dass wir ja in Österreich bei Enthüllungen an akuter Themenverfehlung leiden: Der Großteil der Diskussion dreht sich nie um die Frage “Was ist genau passiert und welche Konsequenzen muss es jetzt geben?”, sondern vor allem um die Frage “Wie konnte das bloß an die Öffentlichkeit kommen?” – Allein deshalb werde ich sicher nicht müde.
der-karl.com: Spaß ist ein Argument. Aber der Großteil der handelnden Personen sind noch da, Konsequenzen sind rar. Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit etwas bringt?
Kurt Kuch: Auf jeden Fall. Ich richte mich ja nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen Probleme in unseren politischen und sozialen Systemen.
Da gibt es durchaus Erfolgsstories. Ich bin ja auch innerhalb der Redaktion praktisch ausgelacht worden, weil ich mich so lange für die erweiterten Prüfkompetenzen des Rechnungshofs bei Gemeinden eingesetzt habe. Das klingt uncool, ist aber neben dem Bankgeheimnis und den EU-Direktförderungen für Bauern eines der größten Mysterien der Gegenwart. Früher durfte der Rechnungshof nur Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern prüfen – der überwiegende Teil der österreichischen Gemeinden liegt aber unter dieser Grenze.
Und allein an der Heftigkeit der Reaktionen war leicht zu erkennen, dass das ein großes Thema ist: Der Präsident des Gemeindeverbands hat persönliche Briefe an alle Betroffenen Bürgermeister geschrieben und sie aufgefordert, jede Form der Zusammenarbeit mit unserem Verlag einzustellen. – Das war natürlich wieder eine freiwillige Meldung, die mich erst richtig munter macht.
Fazit: Die Änderung ist gekommen, jetzt kann weit mehr geprüft werden. Ich denke schon, dass es sich auszahlt, hartnäckig bei der Sache zu bleiben.
der-karl.com: Gibt es etwas, das dich davon abhalten kann, eine Geschichte zu bringen?
Kurt Kuch: Ich sag immer: Natürlich bin ich korrumpierbar – mit einer besseren Geschichte. Wobei ich auch dabei heute sehr vorsichtig sein muss. Jeder Promi, der in Schwierigkeiten gerät, leistet sich einen Medienberater. Und dessen Job ist es, bessere Geschichten zu bringen, damit wir von seinem Klienten abgelenkt werden. Das muss dann umso genauer geprüft werden.
Manche versuchen natürlich auch, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und erzählen mir etwa, dass ihre Kinder jetzt in der Schule auf Grund meiner Geschichten Schwierigkeiten haben. Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass ich mit “News” eine große Bühne habe und dementsprechend verantwortungsvoll sein muss, aber letztlich denke ich mir dann immer: Wir sind alle erwachsen. Und wer jetzt nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit kommt, hätte es lieber gar nicht tun sollen.
der-karl.com: Du hast Medienberater angesprochen. Wie sieht es aktuell mit politischer Einflussnahme und politischem Druck auf dich aus?
Kurt Kuch: Medienberater sind die neuen Lobbyisten. Oft sind das ja auch die gleichen Leute, die unter einem anderen Titel jetzt praktisch den gleichen Job machen. Die können keinen Druck auf mich ausüben, aber sie machen mir natürlich das Leben schwer, indem sie gezielt gefärbte Information streuen. Ich habe dann umso mehr Arbeit, um wieder nach möglichst objektivierbarer Information zu suchen
Das bringt dann wieder Akten in den Vordergrund. Mein Büro sieht aus wie ein gesprengter Altpapiercontainer; ich versuche, jede Geschichte möglichst gut mit behördlichen Ermittlungsakten zu unterlegen. Wobei ich da eher steinzeitlich arbeite: Ich scanne die Akten als durchsuchbare PDF-Dateien und recherchiere dann über die Volltextsuche. Die Kollegen vom “Stern” haben mir einmal ihre digitalen Recherche- und Dokumentationsarchive präsentiert – da frisst Dich der Neid, aber das ist für uns in Österreich unleistbar.
Direkten Druck spüre ich jedenfalls nicht, und ich habe auch nicht das Gefühl, Feinde zu haben. Der einzige, der mich einmal direkt und unter der Gürtellinie in den Foren von ORF und derstandard.at attackiert hat, war dann ausgerechnet einer der Bürgermeister aus einem Nachbarort in meiner Heimat…
der-karl.com: Und wie siehts mit Einfluss durch Werbung aus und was hältst du von der Affäre um politische Inserate?
Kurt Kuch: Ich kann dir ganz ehrlich sagen: Ich kenne unsere Anzeigenverkäufer nichteinmal. Ich sehe die einmal im Jahr bei der Weihnachtsfeier, und da reden wir sicher nicht über Inserate, und sonst habe ich keine Ahnung, was da läuft. Es ist auch nie irgendwer an mich herangetreten, und nachdem ich gar nicht weiss, wer was wo inseriert, kann ich darauf auch überhaupt nicht reagieren.
Wenn du politisch motivierte Inseratenvergabe durch staatsnahe Betriebe ansprichst: Davon bekomme ich genauso wenig mit. Viel spannender finde ich in dem Zusammenhang von Politik- und Parteienwerbung die Frage: Wer zahlt das eigentlich? Wenn Politiker Unternehmen in ihrem Einflussbereich beauftragen, ist das ja geradezu transparent, verglichen mit Kosten in Millionenhöhe für Präsidentschaftswahlkämpfe, bei denen niemand weiss, wo das Geld eigentlich herkommt.
der-karl.com: Also würdest du sagen, dass du frei und ohne jeden Druck arbeiten kannst?
Kurt Kuch: Es sind sicher nicht die offensichtlichen Machtverhältnisse, die mir Probleme machen. Meine große Angst bei jeder neuen Geschichte ist aber, reingelegt zu werden. Ich habe das schon einmal erlebt, und das hat mich fast den Job gekostet. Das war die Geschichte mit der angeblichen illegalen Pflegerin von Wolfgang Schüssel. – Ein gezielter Leger von einem Autor und Journalisten. Der hat mich angerufen und die Geschichte vorgeschlagen, alles hat sehr gut geklungen. Nur hat er dann beim Termin gleich einen Vertrag aus der Tasche gezogen, in dem eine Reihe von Absurditäten festgehalten war. Gleich der erste Punkt war eine Honorarzahlung von 2000 € für die falsche Pflegerin. Das habe ich sofort gestrichen. Er hat uns die Geschichte dann doch gegeben, blöderweise haben wir sie veröffentlicht – und es war für beide Seiten ein Fiasko. Ich bin mit der falschen Gesichte dagestanden, er hätte beweisen wollen, dass wir bei “News” unrecherchierten Scheckbuchjournalismus machen. Diese Tage waren echt die Hölle. Er ist dann noch dazu unauffindbar und ich habe ihn tagelang gesucht – da war ich echt knapp davor, alles hinzuschmeissen.
Das einzig Positive war dann noch, dass wenigstens klar rausgekommen ist, dass wir nicht bezahlt haben und auch nie für Geschichten bezahlen. Das ist – für alle, die noch immer Zweifel haben – nicht nur eine ethische Frage, sondern auch ganz schlicht eine wirtschaftliche: Ein verkauftes Heft hat einen Deckungsbeitrag von ein paar Cent. Wenn wir für eine einzelne Geschichte ein paar tausend Euro ausgeben müssten – das kriegen wir nie wieder rein…
der-karl.com: Glaubst du an die Funktion von Medien als vierte Macht in der Gesellschaft?
Kurt Kuch: Wir können einiges bewegen und auch etwas erreichen. Das steht fest. Aber genauso muss man sagen: Wir haben unseren schlechten Ruf nicht zu Unrecht. Ich unterstelle niemandem, vorsätzlich korrupt zu sein, aber ich wundere mich oft, wie Kollegen das für sich handhaben, wenn sie für Moderationen oder andere Tätigkeiten überproportional bezahlt werden. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber was ist, wenn der Auftraggeber ein Hochegger ist, und wenn der oder einer seiner Kunden in Schwierigkeiten geraten? Zieht der Journalist dann noch voll durch? Oder hat er sich selbst zahnlos gemacht?
Ich vermeide so etwas. Ich habe an meinem eigentlich Job mehr Spass, ich werde gut bezahlt, und ich denke mir immer: Was sollst du mit dem Geld? Du kannst drei Mal täglich essen gehen, Du kannst dich einmal täglich ansaufen – mehr geht auch mit allem Geld der Welt nicht…
Ich muss aber auch sagen, dass ich hier eine Umbruchphase sehe. Es gibt mittlerweile bei vielen Medien Journalisten, die ihre Funktion als Aufdecker sehr ernst nehmen und ihren Job sehr gut machen. Das erzeugt einen Wettbewerb, der gut fürs Geschäft ist und Leben in die Branche bringt.
der-karl.com: Welche Rolle spielen Onlinemedien und Social Media in diesem Wettbewerb für dich?
Kurt Kuch: Social Networks sind für mich sehr wichtig. Ich nutze Twitter, Facebook und Google+ um Vorausmeldungen zu platzieren und zu promoten. Und ich bekomme direkte Rückmeldungen, auf welche Themen die Leute anspringen. Allein seit gestern (18.1., Anm.) habe ich zum Beispiel 150 neue Follower auf Twitter. Auf Facebook spiele ich auch mit ganz selektiven Einblicken in mein Privatleben. Alle Netzwerke zusammen bringen mir nocheinmal mehr Aufmerksamkeit, was umso wichtiger ist, weil die User immer kritischer werden und mehr Fragen stellen, und auch im Magazin mehr und bessere Antworten haben wollen. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es hier weniger um meine Person geht, sondern um meine Rolle als Journalist bei einem großen Medium. Das macht mich interessant und öffnet mir viele Türen, aber letztlich bin auch ich nur Mittel zum Zweck, und das kann jederzeit vorbei sein.
der-karl.com: Wo siehst du generell die Schwerpunkte von Onlinemedien und wie zufrieden bist du mit euren eigenen Portalen?
Kurt Kuch: Onlinemedien sind dort am stärksten, wo sie dem User individuellen Nutzen vermitteln. Gut recherchierte Tabellen und Listen waren in “News” immer schon sehr wichtig – und das ist großartiger Content für digitale Medien, damit bekommen wir regelrechte Clicklawinen. Ich kenne noch kein Patentrezept für Onlinemedien, aber der persönliche Nutzen für User ist etwas ganz wichtiges. Das kann zusätzliche Information sein, das können aber auch technische Basics wir Filter- oder Suchfunktionen bei großen Contentmengen sein.
Wir haben in jedem Ressort im Magazin eigene Online-Beauftragte, die immer darauf achten, dass auch wir Printjournalisten dieses Mehr an Inhalt liefern, das online verarbeitet werden kann. Wobei die Onlineredaktion natürlich selbständig arbeitet und genug Profi-Journalisten für eigene Inhalte hat. Ich erlebe immer wieder, dass Onlineredaktionen noch immer wenig ernst genommen werden – das ist unangebracht und eher ein Zeichen dafür, dass diejenigen, die so etwas glauben, wenig Ahnung vom Journalismus heute haben.
der-karl.com: Was bedeutet für dich eigentlich Qualität im Journalismus, wie wichtig ist dir das Schreiben?
Kurt Kuch: Ich bin Aufdeckungsjournalist bei “News” und nicht Feuilletonist bei der “Zeit”. Qualitätsmesser sind für mich vor allem messbare Erfolge: Wie viele Vorausmeldungen kann ich für meine Geschichten machen, wie oft werden die übernommen, wie schnell verbreiten sie sich auch in anderen Medien?
Auf der anderen Seite ist Verständlichkeit sehr wichtig. Sachverhalte wie zum Beispiel die Eigenmittelfeindlichkeit von kreditfinanzierten Aktien zu erklären – ein beliebtes Spiel in der Hypo Alpe Adria – ist schon eine Herausforderung. Umso mehr natürlich, wenn der Text auch noch rechtlich einwandfrei und klagssicher sein muss. Ich schreibe sehr schnell: Für eine fünf- oder siebenseitige Aufmachergeschichte brauche ich selten mehr als zwei Stunden. Viel mehr Zeit geht dann für zusätzliche Informationselemente drauf – hier ein kurzer Interview-Kasten, dort eine kurze Chronik. Zur Qualität gehört es auch, die Perspektive des Lesers nicht aus den Augen zu verlieren: Ich kann nicht erwarten, dass heute noch jemand weiss, was Grassers KMU-Roadshow im Jahr 2002 war.
der-karl.com: Hast du Pläne für die Zukunft oder für ein Leben “danach”?
Kurt Kuch: Nein. Ich könnte auf die dunkle Seite der Macht wechseln und Medienberater werden, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Vielleicht kommen weitere Bücher – wobei ich da noch eine etwas familienfreundlichere Schreibstrategie entwickeln muss. Ich wollte mir für “Land der Diebe” vier Monate Zeit nehmen, habe dreieinhalb Monate lang praktisch nichts gemacht und dann zwei Wochen Urlaub genommen. In diesen vierzehn Tagen habe ich zehn Tage lang wieder nur sehr wenig gemacht, und dann fast das ganze Buch in vier Tagen nonstop durchgeschrieben. Ich glaube, das geht noch besser…
Ansonsten habe ich zuviel Spass in meinem Job, und wenn ich Abwechslung brauche: Ich habe mit Ewald Tatar die Marke “Kama-Party” aus einer Konkursmasse gekauft – das bezieht sich auf “Kamakura”, das war in meiner Jugend die mit Abstand beste, eigentlich einzige Disco zwischen Wien und Graz, und Ewald veranstaltet gelegentlich Kama-Events (nächster Event: 23.2. im Wiener U4) – Aber auch das soll nicht in Arbeit ausarten.
Ich bin seit sechzehn Jahren bei “News”, das war mein erster Job – und ich habe hier noch viel vor.
Ich hatte jetzt lange genug Spass mit den sogenannten Universalgesetzen für Onlinemedien. Zeit, zu einem Ende zu kommen. Und deshalb das fünfte und derzeit letzte Gesetz: Immer mehr Leute reden immer öfter vom Gleichen. Das ist einerseits gut, weil förderlich für die Verständigung, andererseits schlecht, weil es keinen Platz für Neues lässt. Informations- und Medientheoretiker reden hier auch von Entropie.

Vernetzung kann verbinden oder fesseln, erweitern oder einengen, verbinden oder beenden.
Dazu sind vielleicht ein paar Voraussetzungen hilfreich:
Immer mehr Menschen reden immer öfter vom Gleichen – nach Carnap und Bar-Hillel entsteht dabei also keine Information. Dialogphilosophen wie Hermann Gadamer oder (der leider noch religiöser geprägte) Martin Buber diagnostizieren im Gegenteil, dass ohne ein grundlegendes gemeinsames Verständnis Dialog als Austausch von Information gar nicht möglich sei. Man bezweifle stattdessen jeweils des anderen Weltbild, anstatt über sachliche Themen zu reden.
Vielleicht ist beides angemessen – schlicht weil es heute sehr wohl möglich, plausibel und real ist, auch auf engem Raum mit unterschiedlichen Weltbildern zu leben.
Das liegt an der Vielzahl der verfügbaren Weltbilder, daran, dass vieles heute schnell mal ein Ideologie-Thema ist. Es liegt aber auch nicht minder daran, dass wir viel schneller viel mehr erfahren können. Einseitige Diskurse sind nicht nur etwas Schlechtes – sie bieten Information.
Fluidity of Information ist ein Begriff, den der Philosoph Charles Ess als Charakteristikum digitaler Information geprägt hat. Flüssigkeit bedeutet einerseits Verformbarkeit: Es ist nicht klar, wie solcherart transportierte Information ankommt, mit welchem Kontext sie in welchem Kontext landet, und ob sie dann noch irgendein nennenswertes Maß an Autorität und Authentizität (was ja an sich schon ein problematischer Begriff ist) hat. Auf der anderen Seite bedeutet Flüssigkeit aber auch Transportierbarkeit: Information ist digital nicht nur schneller in anderen Umgebungen, sie hat überhaupt vor allem die Chance, dort anzukommen, und nicht isoliert in einer Schublade zu bleiben.
Digitale Medien erhöhen unsere eigene Reichweite und die Chance, mit Inhalten aus anderen Kontexten in Berührung zu kommen. Einfach gesagt: Wir hören etwas, das wir noch nicht kennen, das wir vielleicht sogar für unwahrscheinlich gehalten haben. “The less probable or possible p is, the more informative it is; (…) contradictions are highly informative”, sagt Luciano Florida über das Bar-Hillel-Carnap-Paradoxon. – Mehr vom Gleichen oder grenzüberschreitend Neues, und das im gleichen Merkmal eines Mediums: Das ist der Grundzug, der sich in allen fünf Universalgesetzen wiederfindet.
Medien, egal jetzt ob als Produkt oder als Werkzeug betrachtet, sind seit jeher ergiebiges Objekt kulturkritischer Ansätze. Leute wie Schirrmacher, Precht, oder auch Karl Kraus als papiergebundener Urzeit-Blogvorläufer waren und sind schnell mit Untergangsmetaphern bei der Hand. Befürworter wie Ibo Evsan, Tim Ferriss oder Chris Brogan versteigen sich dagegen oft zu ebenso dramatisch paradiesisch überzeichneten Gegendarstellungen von freier vernetzter Produktivität.
Mein Verdacht: Medien ändern nichts. Sie machen nur diverse Beziehungen, Sachverhalte und Tatsachen mehr oder weniger deutlich sichtbar. Je schneller Information über Tatsachen in entfernten Umgebungen bekanntgemacht werden kann, desto informativer ist sie. Weil aber Information für sich kein Wert ist, sondern ihren Zweck, ihren Hohlraum oder ihr Universum braucht, um auch gezielte Handlungen bewirken zu können, führt rein kumulatives Sammeln von Information zu einer bloßen “Ja eh”-Kultur, in der jeder alles weiss, aber nichts kann, und letztlich nicht nur alles egal, sondern gerechtfertigterweise egal ist: “Ich denk eh dran”, und “Ich allein kann eh nichts machen…”; und schliesslich: “Wozu?”
Der Unterschied liegt im Handeln. Was haben wir dabei von Medien, warum soll Technologie, vor allem IT, wertvoll sein? Reichweite, Tempo und Flexibilität sind Werte, die Geschäftsbeziehungen und -ergebnisse fördern. Digitale Medien sind Beschleuniger für diese Werte. Wer das Handwerk beherrscht – nicht nur das der Kommunikation im engeren Sinn, sondern jede Art von Kommunikation in der Organisation – arbeitet also besser.
Kommunikation ist nicht umsonst ein weiter Begriff, der vom bloßen Berühren bis zum Verstehen und Zustimmen gestreckt werden kann.
Verstehen ist in einer kommunikations- und informationsgetriebenen Welt der neue Machtfaktor: “Ich versteh schon” schliesst ein – “Das ist nicht neu, das kenne ich auch, du brauchst gar nicht weiterreden, reden wir über etwas anderes”. “Ich verstehe nicht” schliesst ein: “Das ist nicht gut erklärt, das ist falsch, jetzt will ich reden, das ist unangemessen, du musst dich mit mir beschäftigen.” Verstehen, Verständigung ist die Fortsetzung und Nachfolge von Aufmerksamkeit als zentraler Wert. Aufmerksamkeit ist eindimensional oder so zweidimensional wie Radio: Man weiss, dass da draußen wer ist, aber dieser jemand manifestiert sich wenn dann nur punktuell und nur mit wenigen Äußerungen. Je mehr Unterhaltung möglich ist, je konkreter gefragt werden kann und geantwortet werden muss, desto wichtiger ist Verstehen. Es reicht nicht, Menschen erreicht zu haben und sie in Empfängerstatistiken abzubilden – es wird zu schnell offensichtlich, ob Bilder, Worte, Messages angekommen sind.
Verstehen wird nicht leichter, aber es wird wichtiger.
Deshalb ist es so verlockend, auf Entropie als Regulierungsmassnahme zu setzen. Mehr vom Gleichen kommt leichter an. Nur bietet es wenig Chancen. Neues hat Chancen, ist informativ – aber es muss die Brücke schlagen, und dabei hilft, einmal mehr, solides Handwerk…
Die Frage des aktuellen Jahrtausends wird damit für mich: Was machst Du eigentlich? – Aber das ist dann schon die nächste Geschichte…
Ich habe gerade Cory Doctorows “For the Win” gelesen und kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Doctorow zeichnet nicht nur beeindruckende Bilder aus Indien, Kalifornien und China, seine Geschichte eines Arbeitskampfs in der Game-Industrie ist auch eine der eindringlichsten und verständlichsten Beschreibungen der Probleme und Risiken des Kapitalmarkt-Wahnsinns.
(pic: Joy Ito)
Doctorows Geschichte von für Geld spielenden Gamern, die ihre erspielten Levels und Assets über große Organisationen an reiche Einsteiger-Gamer weiterverkaufen, beruht auf wahren Entwicklungen: Im Frühjahr 2011 wurden erste Berichte bestätigt, denen zufolge Insassen chinesischer Gefängnisse neben ihrer offiziellen Gefängnistätigkeit nachts noch Games-Zwangsarbeit verrichten mussten: Sie erspielten in World of Wordcraft Assets, die dann von organisierten Gefängniswärtern weiterverkauft wurden.
Doctorow verpackt diese Ereignisse in die Geschichte jugendlicher Gamer, die unter ähnlichen Ausbeutungsszenarien leiden, sich organisieren, und schliesslich die Game-Konzerne mit ihren eigenen Trading-, Hedging- und Securitisation-Waffen zum Einlenken zwingen. – Das ist ein spannender Roman, und zugleich ein anschaulicher Crashkurs zur irren Kapitalmarktlogik. Unbedingt lesenswert.
Bei der Gelegenheit kann ich gleich eine zweite Empfehlung in Sachen Finanzmarkt-Knowhow nachlegen: Viktor Pelewins “Empire V” ist ein Vampirroman, dessen Vampirprotagonisten sich allerdings nicht mehr mit so lächerlichen Dingen wie Blutsaugen abgeben. Sie haben es geschafft, die menschliche Existenz (schliesslich sind Menschen die Züchtung von Vampiren) in das Finanzaggregat M5 zu destillieren, an dem sie sich jetzt berauschen – und um das sie Machtkämpfe führen und Intrigen spinnen.
Pelewins Beschreibung dieser Entwicklung ist ebenfalls finanztechnisch und volkswirtschaftlich lehrreicher als drei durchschnittliche Banking-Lehrbücher…
Medien sind Marken und Mittel, Marken sind Mittel, Mittel sind Marken oder Medien – dieses Rad lässt sich lange weiter drehen. Was sind jetzt Medien? Diese lange Zeit einfache Definition, die voraussetzte, dass mit Medien Massenmedien gemeint sind, von denen es Zeitung, Radio und Fernsehen gibt, ist ein problematischer und dynamischer Begriff geworden. In der Theorie mag das Probleme in der Begriffsklärung aufwerfen, praktisch gesehen stellt sich die Frage, was bei der Gestaltung von Onlinemedien eigentlich verkauft wird und wie weit der Planungshorizont gesteckt sein muss.

Wovon reden wir, wenn wir “Onlinemedien” sagen? Sind das Webseiten, Emails, Portale, Blogs? Sind das wired.com, yahoo.com oder Boing Boing? Und was ist mit Onlineshops? Social Networks? Und schliesslich der eigenen Online-Persona?
Ein Medium beispielsweise ist Fernsehen. Bewegte Bilder, die über Satelliten, Kabel oder Antennen verbreitet und auf Bildschirmen empfangen werden. In letzter Zeit hat sich die Verbreitung über Internettechnologien dazugesellt und damit nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Zusatzfrage gestellt: Onlineinhalte von klassischen Fernsehstationen sind Fernsehen, keine Frage. Aber was ist mit Bewegtbild-Onlinelinhalten anderer Medienunternehmen? Auch das kann als Fernsehen klassifiziert werden, schliesslich entspricht es immer noch dem Broadcasting-Gedanken. Und wie verhält es sich mit Bewegtbild-Inhalten von Anbietern, die nicht den Kriterien des klassischen Medienunternehmens entsprechen? – Hier kommt neben der ursprünglich technischen eine inhaltliche Komponente ins Spiel: Fernsehen hat mit Abläufen zu tun, mit Sendungsformaten, mit Programmgestaltung und gestalteten Inhalten. Es braucht mehr, als ein bewegtes Bild auf einem Bildschirm, um von Fernsehen sprechen zu können. Genau das bedeutet dann, dass auch der unabhängige Medienproduzent diesem Bild gerecht werden kann: Programm- und Formatgestaltung unterliegen keinen Größenordnungen – zumindest nicht vorrangig.
Müssen wir jetzt wieder auf eine technische Unterscheidung zurückgreifen, um wirklich einen Unterschied ausmachen zu können?
Am Beispiel des Internet lassen sich diese Wechselbilder noch abwechslungsreicher durchspielen. “Das Internet” ist ein Medium, so wie “das Fernsehen” als organisatorisch-technischer Komplex ein Medium ist. Von beiden gibt es unterschiedliche technische und kommerzielle Ausprägungen.
Fernsehen existiert allerdings nur, weil es diese technischen und kommerziellen Ausprägungen (also einzelne Fernsehsender) gibt. Ohne diese gäbe es vielleicht die Idee des Fernsehens (oder die Erinnerung daran), aber nicht die Möglichkeit, einen Fernseher einzuschalten und diesen für irgendeine Form der Mediennutzung zu gebrauchen.
“Das Internet” braucht seine technischen und kommerziellen Ausprägungen nicht. Das Medium lässt sich so weit auf eine Technologie reduzieren, dass Medien (als kommerzielle Markenangebote) noch notwendig sind. Auch ohne Facebook, New York Times online, wired.com und sogar ohne Google könnten wir immer noch online gehen – und würden Inhalte finden. Und selbst ohne Inhalte: wir hätten immer noch ein Medium, das wir als Kommunikationsmittel für unsere Zwecke nutzen können. Über “das Internet” können wir mit anderen Menschen kommunizieren, selbst Inhalte publizieren, oder auch nur von verschiedenen Orten und Devices aus auf unsere Daten zugreifen. Heisst: Wir brauchen die anderen nicht. Zumindest nicht zwangsläufig. Und wir sind nicht auf die Großen angewiesen, um brauchbaren Content und ansprechendes Entertainment zu haben.
Was macht dann “das Internet” aus? Die Technik? – Die größten Nutzungs- und Verbreitungssprünge sind auf technische Neuerungen in der Nutzbarkeit (Browser) und in der Gestaltbarkeit (Web 2.0) zurückzuführen.
Oder die Inhalte und Anwendungen? Email und Suche waren jahrzehntelang die unangefochten führenden Onlinetätigkeiten, bevor soziales Networking ihnen den Rang abgelaufen hat. Und seit Facebook neigt erstmals eine große Anzahl von Usern dazu, ein Produkt für “das Internet” zu halten – oder, um auf die Problemstellung zurückzukommen: ein Medium für das Medium.
Wenn Zeitung, Radio und Fernsehen Medien sind, ist dann das Internet auch eines? Sind Social Networks, Blogs, Nachrichten- und Unternehmensportale Medien? Oder gilt diese Begriff nur für konkrete Ausprägungen dieser Mediengattungen? (Den Begriff der Onlinemediengattungen gibt es lustigerweise zumindest für Google praktisch noch nicht). Oder auch für z.B. einzelne Bereiche innerhalb einer Ausprägung einer Gattung, also etwa eine Kolumne innerhalb eines Nachrichtenportals? Und wenn nicht – sind dann Blogs doch keine Medien?
Diese Wortklauberei lässt sich endlos weiterdrehen. Wichtig ist: Die Grenze zwischen Medium und Marke ist nicht fliessend, sondern sprunghaft. Ein und dasselbe Produkt/Medium kann aus der einen Perspektive das sein, aus der anderen das andere. Und dem User ist das ohnehin egal: Er gestaltet über RSS-Reader und andere Aggregatoren seine eigenen Medienformen, nutzt punktuell über Empfehlungen eine Unmenge verschiedener Quellen und macht manchmal sogar so verrückte Dinge, wie teure Papierversionen (mit Versandkosten!) zu kaufen, obwohl er das gar nicht müsste.
Der Medien-Marken-Sprung ist eine wichtige Gesetzmäßigkeit bei der Planung von Medien, Contents und Kampagnen. Die konkrete Sichtweise (Medium oder Marke) bestimmt darüber, ob konkrete Zwecke erkannt werden können, ob die Nutzung als leicht und angemessen empfunden wird, ob das Produkt an sich funktioniert, ob Sinn erkannt oder Techniklastigkeit unterstellt wird.
Technische Medien sind leer und ungefähr so spannend wie ein Overhead-Projektor; Marken machen Lust.
Onlinemedien könne Tool und Marke, Produkt und Werkzeug zugleich sein, sie sind ein Ergebnis und eine Möglichkeit. Was ankommt, ist weniger eine Frage der tatsächlichen Lösung, sondern der gewählten Erklärung – und des Wissens der Zielperson. Es ist der aktuelle Rahmen, der Sinn vorgibt und Nutzen erkennen lässt.
Was heisst das für den Praktiker?
Und schliesslich lässt sich sogar noch Plato bemühen: Medien, meinte er (also alles jenseits des aktuell gesprochenen Worts) haben das Problem, dass sie ohne ihren Autor in der Welt herumirren und sich dort behaupten müssen und fremder Rezeption und Interpretation ausgesetzt sind. Oder frei übersetzt: “Jedes Schriftl ist ein Giftl”, wie Lobbyisten und Verkäufer gern sagen – es kann sich immer gegen den einen oder den anderen wenden.
Für den Mediengestalter heisst das: Es gibt keine Selbstläuferkonzepte, die garantiert richtig ankommen. Für den Auftraggeber heisst das: Die laufende Begleitung und Steuerung in digitalen oder Online-Projekten ist nicht nur ein Verkaufsschmäh des Dienstleisters, sondern notwendig. Für den User heisst das: Es ist weniger vorgeschrieben, als manchen lieb wäre…
Scott Belsky von Behance/99% beschreibt in einem aktuellen Blogpost die neue Arbeiterklasse der Free Radicals. Sie arbeiten, um einen Unterschied zu machen, sie nehmen sich das Recht, oft zu scheitern, sie haben wenig Toleranz gegenüber allem was bremst und sie betrachten sich mal als Künstler, mal als Handwerker und mal als Geschäftsleute. Ich finde das großartig und kann vor allem dem latenten Größenwahn viel abgewinnen.

Gerade in Unternehmen, die sich selbst durch ihre Organisation zu entscheidungsfreien Räumen ausbremsen, in Geschäftsfeldern wie der Mediengestaltung und der Kommunikation, die immer so lange Neuland bleiben werden, bis jemand einfach mit etwas Konkretem anfängt und in Unternehmen, in denen Mitarbeiter noch immer erst mal mehr gegen Organisation und Management arbeiten müssen als mit ihnen kann nicht genug Selbstbehauptung und Selbstpositionierung betrieben werden. Davon profitieren beide Seiten: Das Unternehmen bekommt effizienz- und zielorientierte Mitarbeiter (die sonst nie in einer Organisation arbeiten würden), und auch für Menschen, denen es schwer fällt, in einer Organisation zu arbeiten, ergibt sich so eine Überlebenschance.
Warum können wir das gerade jetzt? Ich sehe drei Ansatzpunkte für Erklärungen.
Free Radicals wie Belsky sie beschreibt nutzen Möglichkeiten. Und sie erlegen sich auch selbst neue Zwänge auf. Die eigenen Maßstäbe als Qualitätssicherung, die eigene Zufriedenheit als Antrieb – das kann zum Problem werden und zeigt auch das Manko der Free Radicals auf (so wie ich sie/mich verstehe): Wir sind nie zufrieden, und wir haben auch wenig Sinn dafür, Bestehendes, mögliche Vorteile voll auszuschöpfen. Das könnte dann nur Abhängigkeiten erzeugen. Und trägt ausserdem nur beschränkt zur persönlichen Zufriedenheit bei – anderes kann schon wieder spannender sein.
Das ist eben Teil der (gar nicht so) latenten Allmachtsvorstellungen und des Supersize-Selbstverständnisses.
Was heisst das jetzt ganz konkret?
Jedenfalls bedeutet das vermehrte Auftreten von Free Radicals harte Zeiten für alle: Für die, die es sich selbst schwer machen (und Freude daran haben) und die, die daran gemessen werden.
Wobei, und das kann Lösung oder Verschärfung des Problems sein, ich davon ausgehe, dass wir ohnehin immer weniger genau wissen, was wir meinen, wenn wir von Arbeit reden…
Scott Berkun decided not only to selfpublish his new book – but also to give it away for free: For a limited time period, the download version is available for free.
Countdown is running, deadline is tomorrow, 4 November, at midnight…

The Book is called Mindfire and it’s a best of out of his blogs, talks and essays.
Berkun also use Kickstarter to raise some PR-budgets (see the project page and he started a fan-group on Google Groups to gather PR volunteers (I’m one of them…)
It’s a nice real life case study and I’m curious for the results…
Eingriffe hinterlassen keine Spuren. – Digitale Medien haben ein ambivalentes Verhältnis zu Sicherheit, Wiederholung und Reparaturen: Einerseits wird oft alles getrackt, versioniert und gespeichert, andererseits gibt es (fast) immer die Möglichkeit, Schritte rückgängig zu machen, von vorne anzufangen, anders zu machen – als sei nichts gewesen.
Das ist ein technisches Phänomen (eine digitale Kopie unterscheidet sich nicht vom digitalen Original), eines von Netzwerken und Wissen (die nächste Informationsquelle ist nicht weit – man muss sie nur anzuzapfen wissen) und ein organisatorisches, oder eines unseres Selbstverständnisses: Verstehen wir es als unsere Verantwortung, Dinge (Prozesse, Geschäfte, Teams) zum Laufen zu bringen, oder sagen wir: “Das funktioniert nicht.”
Als drittes Universalgesetz für Onlinemedien formuliert heisst das: Es gibt keinen Grund, nicht alles zu wissen.
Ein einfaches, aber ergiebiges Forschungsfeld zum Thema ist Contentbearbeitung. Die einen kommen nicht zum gewünschten Ergebnis und stellen fest “Das geht nicht.” Andere setzen sich mit Quellen, Zielsetzungen, Nebeneffekten und anderen Einflüssen auseinander: Wo kann mit Copy&Paste gearbeitet werden, welche Einflüsse übertragen sich aus den Quelldateien, wo und wie können diese bearbeitet werden? – Quelle und Ziel sind digitale Systeme mit vielen Eingriffsmöglichkeiten, keine unantastbaren Blöcke, die nicht gesteuert werden können. Die Beobachtung von Usern vor Formatierungs- und Kompatibilitätsproblemen ist nicht nur soziologisch unterhaltsam (es sei denn, man muss sich um deren Support kümmern), sondern liefert – kann ich mir zumindest vorstellen – auch Indizien für das geistige Selbstverständnis und die Vernetzung von Bewusstsein und Umwelt. Bin ich der aktive Part in dieser Konstellation, oder eine von mehreren zu durchlaufenden Stationen in einem Prozess, ohne weitere Entscheidungsmöglichkeit? Finde ich eine Lösung? Oder sehe ich das Problem?
Digitales Online-Wissen steht uns zur Verfügung wie unser eigenes. Der Unterschied: Wir wissen nicht, was wir wissen könnten. Das ist gegenüber der Erinnerung ein Nachteil, der allerdings dadurch aufgehoben wird, dass unsere digitale Umwelt viel schwerer vergisst als wir. Die Konsequenz dieses Wissensüberschusses ist Ansichtssache: Es ist eine zusätzliche Belastung, mit all diesen Ressourcen umgehen zu müssen. Genauso ist es aber auch ein Schritt in die Richtung zu kostenlos für jedermann verfügbaren Superkräften: Digital gesehen sind wir allwissend, allmächtig und allgegenwärtig.
Letztlich hängt es von unserem Selbstbild und dessen Verankerung in der Umwelt ab.
Die Allmacht ist Auslegungssache:
Sind wir Teil dieser digitalen Umwelt, ist das Teil unseres Geistes? Ungefähr in diese Richtung gehen die Vertreter der Extended Mind Philosophie.
Oder benimmt sich umgekehrt die digitale Welt, als bestünde sie aus selbständigen Gehirnen, die uns nur gelegentlich zu willen sind?
Sitzen wir an den Schalthebeln oder werden wir gesteuert? – Diese Perspektive kann ständig kippen; unabhängig von der aktuellen Position können wir aber, behaupte ich, davon ausgehen, dass Verbindungen und Einflüsse stark sind. Information ist zugänglich, Menschen sind zugänglich, Wissen ist zugänglich. Das ist eine neutrale Feststellung und nicht wertend zu verstehen: Wir müssen immer noch etwas tun, um diese Zugänglichkeit zu nutzen. Und genauso wie anderes für uns zugänglich ist, sind wir anderen/anderem ausgesetzt: Wir stehen immer auf der Bühne, manchmal in einem inszenierten Drama, manchmal in einer ungefilterten Realityshow. Und auf der Bühne handelt immer irgendjemand.
Was heisst das für den praktischen Umgang mit Onlinemedien: Sie sind immer da, sie bieten viele Möglichkeiten, sie schaffen Lücken (durch digitalen Analphabetismus) und sie verbinden (durch Kommunikationsmöglichkeiten) – und damit verändern sie, was von Menschen in Hinblick auf Lernen und Wissen erwartet werden kann. Die Grenze zu dem, was man nicht wissen kann, rutscht immer weiter weg. Alltagswissen ist vielfach dokumentiert, Fachwissen ist vielleicht durch Paywalls eingeschränkt, aber da. Und manchmal findet man auch Wissen nicht im Netz – aber Anknüpfungspunkte und Ansprechpartner.
Es wird noch immer den Punkt geben, an dem “ich weiss das nicht” das letzte mögliche Wort ist. Der Weg von dort weg ist aber ein anderer: Rätselraten, Umfragen im Bekanntenkreis, Kramen im Gedächtnis sind manchmal unterhaltsame, aber wenig effiziente Methoden der Wissenserweiterung; Onlinerecherchen (die durchaus auch oft den erweiterten Bekanntenkreis einbeziehen) sind in der Regel ein schnellerer und effizienterer Weg. Und damit gibt es keinen Grund mehr, nicht alles zu wissen. – Natürlich um den Preis, alles auch genauso schnell wieder zu vergessen. Und nicht zu wissen, was das Wissen bedeutet…
Ist das Freiheit? Bedeutet das Verantwortung? Solche wertenden Kategorien setzen voraus, dass wir uns einig wären, dass wir alles wissen sollten, dass großes Wissen positiv ist. Zu wenig Wissen ist schlecht. – Darauf basieren die meisten Bildungssysteme, deren Prüfungen großteils leicht mit einem Smartphone in der Hand ohne weiteren Aufwand (und ohne Wissen) bewältigt werden können.
Solche Regeln (dieses Wissen gut, kein/anderes Wissen schlecht) sind vor allem dazu geeignet, Angst zu erzeugen. Wo es Regeln gibt, kann es Fehler geben; anderswo kann man auch lernen. Kein Grund, nicht alles zu wissen, kann so gesehen auch eine Verpflichtung, Aufforderung, oder gar Regel bedeuten (Du sollst alles wissen), oder es kann Potentiale, Möglichkeiten und Chancen bedeuten (Du kannst alles wissen).
Wir kommen wieder zum Ausgangspunkt zurück: Sehen wir uns in der aktiven Position? Oder sind wir von Regeln und vorgegebenen Abläufen dominiert und kontrolliert; können wir einfach nur sagen: “Das funktioniert nicht”? – Und heisst “Das funktioniert nicht” dann: “Ich funktioniere nicht” oder “Dieser Teil von mir funktioniert nicht?” Oder heisst es. “Etwas (dieses System, der Hersteller dieses Systems, die Lizenzen,…) verweigert mir etwas”?
Je mehr Möglichkeiten wir haben, desto deutlicher wird auch die Anforderung, diese zu nutzen. Wir schaffen zweifellos unsere Welten, nur deren Relevanz ist fraglich. Ebenso wie deren Reichweite. Erinnern wir uns an das erste Universalgesetz, das uns immer an einen Zweck bindet und zugleich den Zweck auch als Hürde deutlich macht, ohne die alles so einfach wäre. Und das zweite Universalgesetz macht Begrenztheit als Bedingung des Funktionierens oder des Erfolgs deutlich: Kommunikativer, dialogorientierter Sinn entsteht dort, wo alles zugleich geboten werden kann.
Das jetzt beschriebene dritte Prinzip hat das Potential, auch alles in Frage zu stellen. Haben wir gegen die eingeschränkte Zweckgebundenheit doch die Möglichkeit, alles offen vor uns zu sehen? – So wie das Allmachts-Gedankenexperiment bedrohende Einschränkung und befreiendes Beflügeln zugleich sein kann, sind auch der Zweck und die Hohlkugel nicht zwangsläufig minderwertige Derivate einer ganzen, vollständigen, richtigen Realität. Es ist unsere Sache, wie hoch wir unseren Zweck ansetzen, wie weit wir die Kugel ausdehnen. Der Lerneffekt ist also einmal mehr: Es liegt an uns. Und es sagt etwas über uns, wie wir mit Freiraum umgehen, wo wir Möglichkeiten sehen, und wo Verpflichtungen.
Das haben wir halt nun mal von der ganzen, Dialog-, Partizipations-, Prosumer-, Kontext- und Feedback-Sache.